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Hamburger Gast

Speichern!

hamburger gast 2019 Posted on Do, September 19, 2019 21:48:31

Die Speicherstadt hat eigene Gesetze.

Der offenporige Backstein nimmt alles auf, die Geschichten, die Eindrücke, Regen, Wind, Nebel, er gibt nichts wieder ab. Langsam sättigt er sich.

Bis er die ganze Welt gespeichert hat.

Dieses Gebiet wurde für den Handel gebaut, die Wasseradern brachten Güter aus allen Kontinenten. Es kamen fremde Aromen, exotische Stoffe, endlose Geschichten. Sie wurden auf der einen Seite der Gebäude von der finsteren, spiegelglatten Wasseroberfläche mit einer geschickten Bewegung hinein gezogen, so als würde jemand drinnen sitzen und angeln. An der anderen Seite wurden sie schwerfällig wieder rausgelassen. Dunkle Wagen warteten dort auf dem unebenen Kopfsteinpflaster um später mühsam und holperig mit der schweren Ladung wegzufahren.

Die Produkte haben kein bestimmtes Gewicht, keinen festen Klang. Auf dem Wasser sind sie ganz leicht und leise, sie gleiten dahin, aber auf dem Kopfsteinpflaster sind sie schwer und laut, sie poltern durch die Nacht.

Ich gehe langsam durch die Speicherstadt. Die Sonne steht tief, die Häuser leuchten im Abendlicht warmrot auf. Zuerst bin ich mit dem Fahrrad über das Kopfsteinpflaster gefahren, schnell, irgendwo hin, mit einem Ziel vor Augen. Inzwischen habe ich gemerkt, dass es keinen Unterschied macht, ob ich schnell fahre, oder ob ich langsam gehe, wie viele Brücken ich schaffe, in welcher Zeit. Ich gehe an den Häusern entlang, manche Fenster sind geöffnet, ich sehe unheimlich viele Teppiche in großen Räumen, das größte Teppichlager der Welt wird gelüftet.

Ich komme an einer weiteren Häuserreihe, wo alle Fenster geschlossen sind, bis auf eines.  Auf der Fensterbank des offenen Fensters steht eine Kiste Bananen. Etwas in mir zuckt. Mein Vater, der wie ich in Antwerpen geboren ist, hat schon als kleines Kind beobachtet, wie die Schiffe Bananen in die Stadt gebracht haben. Manchmal, wenn er mit seiner Mutter und den ganzen kleineren Geschwistern auf dem Kai stand und zusah, wie so ein großes Überseeschiff entladen wurde, bekam er eine Banane geschenkt. Das war für ihn ein unglaublicher Schatz. Eine Banane, Antwerpen 1951. Später ist er selber als Kapitän zur See gefahren und hat in Ecuador Bananen eingekauft.

Im Kaffee Stark habe ich letzte Woche “Ali” getroffen, er meinte, in den 50-er Jahren gab es Bananen nur zu Weihnachten.

Ich habe gerade Lust auf eine Banane, nicht auf eine aus dem Supermarkt, so eine ohne Charakter, krumm und streng in ihrem Regal, sondern auf so eine, die in der Sonne liegt, sich ungeniert auf der Fensterbank räkelt und mich dabei anschaut. Sie ist frei, sie kommt von einer langen Reise, sie ruht sich in der Sonne aus. Auf so eine habe ich Lust. Ich lese das Schild, das an der Kiste hängt.

“Zu Verschenken”. Oder habe ich mir das ausgedacht? Schnell greife ich eine Banane, lasse eine zweite in meine Tasche verschwinden, denn ein Freund von mir hat gerade lange Arbeitsschichten und ich will ihm so ein gelbes Wunder vorbeibringen, und gehe weiter. Ich pelle sie. Und ja, ich weiß, dass ich auf gar keine Art, in keiner Sprache, eine verführerische oder romantische oder gar spannende Geschichte von einer Banane erzählen kann. Eine Banane ist so blöd, keiner liebt sie für ihren Duft, ihr Aussehen, ihre Haptik. Ich bin mir sicher, da kommt das Wort banal her. Es ist nichts Aufregendes zu berichten, ein Apfel kann aufregend sein, fragen Sie Eva, Trauben sind erotisch, Birnen können es, Aprikosen, Feigen. Bananen nicht.

Ich frage mich, wieso männliche Stripper so gerne mit Bananen herumhantieren. Wie blöd muss man sein.

Was aber unglaublich ist, ist dass diese hier besser schmeckt als jede Banane, die ich jemals gegessen habe. Sie ist aromatisch, saftig, süß und perfekt zwischen hart und weich. Und ich möchte den Leuten danken, die einfach so eine Kiste mit Bananen zu verschenken in einem Fenster in der Speicherstadt aufstellen. Sie machen andere Menschen damit glücklich.

Ich gehe weiter, das Abendlicht ist sehr intensiv jetzt, die Wolken scharf und leuchtend, das Wasser dunkel. Ich weiß natürlich nicht, wie spät es ist, oder welchen Tag wir haben, es ist hier eine andere Welt. Es passieren Dinge, die keiner erklären kann.

Auch wenn offiziell niemand hier wohnt, bedient nachts bestimmt jemand die Seilwinden. Holt sich die Güter nach oben, es wäre doch schade, wenn alle glauben würden, diese Flaschenzüge hätten keinen Zweck mehr. Was nicht mehr gebraucht wird, wird an der anderen Seite auf die Straße gelassen. Manchmal wird etwas zum Verschenken angeboten.

Was passiert dazwischen, was machen die Häuser mit den Gütern? Sie speichern die Düfte, die Texturen, die Fasern der Stoffe. Wer entscheidet, was kommt und was bleibt, was geht?

Es gibt geheime Durchgänge, die Häuser sind garantiert miteinander verbunden. Was passiert nachts? Warum darf hier keiner wohnen? Was bewegt sich hinter den Backsteinmauern wenn es dunkel ist? Die Zeit ist hier nicht mehr wichtig, nirgendwo ist eine Uhr zu erkennen. Es fahren keine Autos. Ob man schnell oder langsam geht, es ist egal hier, das Wasser fließt kühl gleichmäßig vorbei und die Häuser halten die Augen geschlossen und den Atem ein.

Jetzt ist es fast ganz dunkel, ich grüße noch schnell Kaiser Barbarossa und Bischof Ansgar bei der Brücke, steige wieder auf das Fahrrad und fahre voller Kraft Richtung Reeperbahn. Die Banane will ich noch weiter verschenken und ich will das Leben spüren. Ich will noch mal auf den höchsten Turm hinauf und Wein trinken. Über die Stadt blicken und alles speichern, einfach nur speichern.



Das Spiel

hamburger gast 2019 Posted on Mo, September 16, 2019 22:01:32

“Hier wird richtig was los sein heute Abend” sagt er mir, und seine Kumpels bestätigen das. “Wir erwarten sehr viele Gäste, und ein richtiges Feuerwerk. Wir werden sie gut empfangen, alles ist bereit. Man wird die Gäste bis zum Spiel begleiten”.

Das hört sich ziemlich gastfreundlich an, denke ich. Ich sehe die sechs Männer an. Sie sind in Uniform, orange. Sie machen sauber im Karo-Viertel, alles soll bereit sein für das große Fußballfest.

“Es gibt keinen Alkoholverbot heute im Stadion” sagen sie. “Es wird richtig Randale geben”. Sie stehen in der Morgensonne und leuchten, sind gut gelaunt. Sie sind damit einverstanden, dass wir einige Fotos mit ihnen machen.

Nachmittags gehe ich mal gucken, was so am Stadion los ist, ob das Fest schon angefangen hat. Hubschrauber kreisen über meinen Kopf und Polizeiwagen reihen sich auf, es stehen gepanzerte Fahrzeuge für den Einsatz bereit. Die Mädels und Jungs in blauer Uniform haben beindruckende Schienbeinschoner an, Schutzwesten, Helme. Ich dachte, es gäbe ein Fußballspiel hier. Und das mit BFE Plus?

Ein süßes kleines Kind kommt auf seinem Laufrad an mir vorbeigefahren, es hat ein T-Shirt von St. Pauli an und eine Kappe von Schwammkopf auf. Zweifelnd gucke ich vom Kind zu den Panzerfahrzeugen und wieder zum Kind.

Vielleicht bin ich unterzuckert und habe Halluzinationen. Ich kann später immer noch durch das Schanzenviertel laufen und Leute interviewen. Neutral gekleidet. Oder über die Reeperbahn, um die Meinungen mal richtig kräftig auf den Punkt zu bringen. Auf der Reeperbahn sind die Stadtgeschichten um eine Spur roher, lauter und fetter.

Aber meine Tochter ist zu Besuch, wir werden erstmal etwas essen.

Durch das Krisengebiet schleichen wir uns Richtung Loving Hut. Aber wir kommen nicht weit. Es kommt eine Armee der Karolinenstraße entlang marschiert. Die HSV-Fans, die von Polizisten eskortiert werden. Es handelt sich um ungefähr 3.000 Fans in Jeans. Auch die Polizisten sind blau. Immer wieder gibt es Tumult, wenn einer der Schlümpfe mal wieder sein Halstuch übers Gesicht gezogen hat, dass soll er nicht tun. Er wird vermahnt, muss sein Gesicht zeigen. Beleidigt schießt er eine blaue Wolke in den Himmel. Wir halten an, und sehen uns die sonderbare Parade an. Neben uns steht ein Engländer, William.

  • is it war?
  • no, it’s just a game
  • WTF?

Right. Aber wenigstens singen sie, und sie bewegen sich an der frischen Luft. William zeigt auf die Hubschrauber und sagt zögernd, er dachte, in Deutschland wäre der Klimaschütz ein Thema, gerade diese Woche wäre doch eine große Veranstaltung. Hm. Ich gebe ihm Recht, das hat er richtig gehört. Gesicht zeigen halt. Nun ja, sagt er, er dachte auch, die Deutschen im Norden seien nicht sehr gastfreundlich. Aber das hier wäre doch wohl ein Zeichen von Größe. Die Gäste den ganzen Fußweg zum Fußballplatz begleiten.


Und die Polizistinnen seien sehr hübsch hier. Ja, das bestätige ich. Sie sehen gut aus, sind sportlich, höflich und sie sitzen nicht mit einem tiefen Ausschnitt, einem viel zu kurzen Rock, blassen teigigen Beine und Gin Tonic angetrunken in der Kneipe .

Er weiß, dass es unfair ist, sie mit den Engländerinnen zu vergleichen jetzt, denn diese Damen sind hier im Dienst. Er hoffe nur, dass es nicht zu nervig wird heute Nacht, irgendwann will man einfach ins Bett. Ich nicke schweigend.

Wir verabschieden uns von William und und fahren in die Markusstraße.

Wenn wir wieder zurückkommen, sieht es so aus, als hätte der Blue Port sich in unserem Karolinenviertel verlegt. Die Straßen sind fast leer aber von blauen Lichtern gesäumt, und überall stehen die Einsatzkräfte bereit. Das Spiel wird gleich anfangen, die Heimmannschaft hat alle Gäste reingelassen und die Türen sind zu.

Kann das nicht so bleiben? Kann man nicht einfach das Stadion abschließen und erst morgen mittag wieder öffnen? So dass die da drin sich austoben können und die Einsatzkräfte nach Hause?

Überall stehen plötzlich Händler, die etwas an der Stimmung mitverdienen wollen und Bierdosen zum Verkauf anbieten. In den Kneipen werden später noch die Stühle fliegen. Die Stadtreinigung wird morgen in aller früh die Reste des Fußballfests zusammenkehren. Sie wird die Fans nicht wecken. Es ist sehr lustig, so meinte einer der Stadtreiniger, wenn man eine Sankt Pauli Kappe findet und die dann auf einen HSV Kopf setzt, ohne dass die Person das mitbekommt. Der würde dann einfach in seiner blauen Kluft mit der falschen Kappe weiterschlafen, vor den Toren der Schlachterei, und nicht wissen, welches Risiko er damit läuft. Ja, so denke ich, genau.

William hätte sich gewundert, die Deutschen haben sogar Humor.



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