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Hamburger Gast

die Vierlande

hamburger gast 2019 Posted on Sat, August 17, 2019 19:46:45

Gestern nahm mich Lisa mit auf einen Ausflug durch die Vierlande. Lisa kennt sich hier aus, sie wohnt hier am Deich.

Sie holt mich mit dem Auto am Bergedorfer Bahnhof ab, ich freue mich, das Auto fährt leise, elektrisch.

Es geht durch weite Landschaften mit vielen Bäumen, Feldern, Flüssen und Seen, es gibt die herrlichsten Weitsichten und man kann das Meer riechen. “Wir sind auf unserer Tour keine Sekunde aus Hamburg” versichert sie mir. Das kann ich kaum glauben. Hamburg ist eine Polderlandschaft! Hier wohnen Bauern in reetgedeckten Höfen mit Mühlen am Deich entlang. Und Schafe wohnen hier.

Wir kommen an der Doven Elbe und steigen aus, die Weite tut gut. Am Deich kann man ausgedehnte Spaziergänge machen, der Fluß liegt ruhig da und reflektiert die Sonne. Es fahren einige Schiffe hin und her. Es gibt sogar Stellen mit Sandstrand.

Ich sehe mir die Schafe an, diese weisen Tiere, geduldig und anspruchslos, die die Landschaft bewölken. Schafe, die sich fast überall wohlfühlen und sich mit kleinen, kräftigen Bissen durchs Leben grasen. Stetig weitergehen, einfach die Wolle wachsen lassen, während das Fleisch einen salzigen Geschmack bekommt. Ist das hier auch so? Wie bei den atlantischen Lämmern? Oder bekommt das Fleisch hier einen Geschmack von Brackwasser und Regen?

Die Luft ist frisch, die grüne Landschaft beruhigend nach 3 Wochen Stadt. 77 Quadratkilometer sind die Vierlande.

Ich bekomme Lust, ins Wasser zu springen, Lisa hält mich zurück. Es ist 12 grad, wir haben keine Handtücher dabei und überhaupt.

Statt dessen lädt sie mich auf einen Kaffee ein, im Zollenspieker Fährhaus an der Elbe. Wir sehen das kleinste Restaurant der Welt, das Pegelhäuschen, in dem gerade mal ein Tisch passt für ein tête-à-tête überm Wasser.

Wir sitzen auf der Terrasse im Wind, das Wasser glitzert, die Luft ist unfassbar schön, dunkelgrau, weiß und blau und voller Bewegung. Da ist  die Sonne. Und die Wolken, und die Regentropfen, ich gewöhne mich nur langsam daran, dass das Wetter jede Minute anders aussieht.

Wenn es in Aachen zu regnen anfängt, regnet es stundenlang. Man kann  ruhig Gummistiefel und einen Regenmantel anziehen und losgehen, man wird nicht nach 5 Minuten wieder in seiner Endzeitstimmung gestört durch eine lachende Sonne, die plötzlich hinter den Wolken hervorspringt und ihre Strahlen herunterbeamt.

Wir kaufen im Gemüsestand bei Nelli ein, es gibt Blumen, Gemüse, Obst, alles frisch und farbenfroh. Wir sehen total alte und auch frisch renovierte Reetdachhäuser, gutaussehende junge Handwerker sind dabei, ein Haus neu mit Reet zu bedecken. Wahnsinn, dieses Handwerk wird hier noch immer betrieben. Wir fahren wieder nach Bergedorf.

Was es hier laut Ulf Peter Busse von der Bergedorfer Zeitung auch gibt, ist eine Sternwarte aus 1912. Spiegelteleskop von Carl Zeiss, wie in Aachen. Unbedingt anschauen. Aber wo? “Am Friedhof”. Ja. Und nun? Ich werde das später in meiner Wohnung mal nachschlagen, hier im Schloss gibt es kein Internet.

Aber ich bin froh, dass das Bergedorfer Schloss ein Schlosscafé hat. Dustin kennt sich mit Kaffee aus, er liebt den Geruch und die Textur dieses Getränks. Ich darf dort sitzen bleiben, so lange wie ich will, so wie ein Künstler aus alten Zeiten. Und ich zitiere hier mal gerade Stefan Zweig über das Wiener Kaffeehaus:

„Es stellt eine Institution besonderer Art dar, die mit keiner ähnlichen der Welt zu vergleichen ist. Es ist eigentlich eine Art demokratischer, jedem für eine billige Schale Kaffee zugänglicher Klub, wo jeder Gast für diesen kleinen Obolus stundenlang sitzen, diskutieren, schreiben, Karten spielen, seine Post empfangen und vor allem eine unbegrenzte Zahl von Zeitungen und Zeitschriften konsumieren kann. Täglich saßen wir stundenlang, und nichts entging uns.“

Aha. Es ist also völlig natürlich, sich im Café aufzuhalten und sich inspirieren zu lassen. Vielleicht soll ich meine Post auch hierhin kommen lassen. Das überleg ich mir noch.

Aber das mit der billigen Schale Kaffee kann ich so nicht stehen lassen. Der Kaffee ist nicht billig, er ist gut, einfach nur lecker.



Zeitungskunst

hamburger gast 2019 Posted on Fri, August 16, 2019 22:53:39

“Kennen Sie den Lesekeks?”

Das fragt mich ein Mann, der im Schlosscafé in Bergedorf sitzt, und ich denke, ist das etwas Anrüchiges? Geht es hier um ein Codewort aus der Großstadt, von dem ich keine Ahnung habe? Was will er mir sagen?

Vor ihm auf dem Tisch liegt eine Zeitung. Oder eine Zeichnung, etwas Kunstvolles, mit Schrift und Bildern. Ich versuche, herauszufinden, was es ist, so etwas habe ich noch nie gesehen. “Das ist eine Weihnachtszeitung” sagt er abwartend, und trinkt von seinem Kaffee. Ich habe keine Antwort.

Er ist Zeitungskünstler, so stellt sich heraus, der sich gerne in Kaffeehäusern aufhält, und verwöhnt von der Inspiration der großen Wiener Kaffeehäuser sucht er ähnliche Inspirationen in Hamburg. So hat er sich nach Bergedorf verirrt.

Wenn man einfach im Café sitzt und die Menschen anschaut, findet man Inspiration, denn die Dinge werden erst schön, wenn sie durch den Menschen inspiriert sind. Da entsteht dann Kunst.

Nun wird es interessant. Die Zeitung soll Kunst sein? Eine Zeitung ist oft einfach nur steif, unhandlich und auf die Schnelle geschrieben, der Begriff Zeitungskünstler ist mir neu.

Michael erklärt, dass er letztes Jahr eine Weihnachtszeitung gestaltet hat. Und dieses Jahr soll es eine Geschenkpapier-Weihnachtszeitung geben. Weihnachtlich sinnliche Geschichten und schöne gestalte Motive gedruckt auf Zeitungspapier. Das kann man dann als Geschenkpapier nützen, es soll die Personen, die etwas schenken möchten, inspirieren.

Aha! Ich packe immer schon gerne Geschenke in Zeitungspapier ein, und nun spitze ich die Ohren. Denn wie unelegant, wenn man gerade die Todesanzeigen für das Geburtstagsgeschenk erwischt. Man muss schon verdammt lange lesen, bis man einen Teil der Zeitung findet, den man als liebevoll gemeintes Geschenkpapier gebrauchen kann. Nicht so bei der Geschenkpapierzeitung, von der kann man einfach alles gebrauchen!

Gibt es etwas beruhigenderes, als ein schönes Papier zu haben und genau zu wissen, zu wem es passt? Wem man damit eine Freude machen kann? Der Gedanke an die Person, für die das Geschenk ist, tut schon gut.

Die traditionellen Grenzen einer Zeitung überschreiten ist eine Idee, die mir gefällt. Eine schöne Zeitung zu machen, liebevoll gestaltet. Typographie, der Ausdruck für eine Schrift. Das schöne Kleid der Buchstaben. Eine Ehrung für das Wort!

Er zeigt mir ein Foto von einem Geschenk, das in so einem Bogen Zeitungspapier verpackt ist, das braucht er nicht einmal, ich weiß sofort, wie originell und kunstvoll das aussieht.

Die Frage ist doch, was man vermitteln will. Und ja, dem geschriebenen Wort darf die Ehre gegeben werden, am Anfang war das Wort, das weiß man noch. Auf dem richtigen Papier kann man es auch anfassen.

Als er hört, dass ich Stadtschreiberin bin, überlegen wir uns mögliche Schritte. Ich schreibe Texte, wir drucken sie in eine Zeitung „die Stadtschreiberin“. Wenn eine Idee gut ist, so soll sie gleich umgesetzt werden.

Ab Mitte September gibt es die erste Ausgabe in einer kleinen Auflage. Vielleicht einfach meine hamburger-gast-Blogeinträge, um den Leuten, die mein Stipendium mit soviel Wärme und Herzblut organisiert haben, etwas zurückzugeben.

Übrigens der Lesekeks. Die Idee ist gar nicht so schlecht, einen kleinen Happen Literatur beim Kaffee serviert zu bekommen. Aber, so finde ich als Belgierin, Lesekeks hört sich trocken und voller Krümel an. Wie Heidesand und Schweineöhrchen. Ich bin dabei, aber wir müssen den Namen anpassen.

Wir werden es in “quickie strike” umändern, was soviel heißt wie einfach mal die Arbeit niederlegen und unorganisiert streiken. Man nennt es auch “wild cat strike”, aber wir sind uns einig, das möchte man eher nicht zwischen die Zähne bekommen.

Quickie Strike also. Etwas Literatur zum Kaffee.

In dem Sinne. Wir bleiben dran!



die Sanduhr

hamburger gast 2019 Posted on Thu, August 15, 2019 12:42:31

Was kann ich tun, um eine Stadt kennenzulernen?

Ich suche die Orientierungspunkte, sehe mir ab und zu eine Karte an, so dass ich ungefähr weiß, wo was ist und wie viele davon. Einen Kompass dabei haben ist auch gut.

Ich kaufe die Zeitung Hinz&Kunzt, die mal eine andere Sichtweise hat, gut recherchierte Reportagen bringt und klare Einblicke über die Stadt bietet. Diesmal wird das Gängeviertel beschrieben, aha, das steht bei mir schon auf der Liste. Denn ich lese etwas, was mich sehr interessiert: “seit zehn Jahren bestimmen Gäste an Tür und Tresen weitgehend selbst, wie viel sie zahlen. Wir stehen hier auf einer der teuersten Flächen Europas, aber wir schließen die Leute, die keine Kohle haben, nicht aus”, sagt Stephan Fender. Ich freue mich, wollte ich doch die Gastfreundschaft untersuchen.

Sie vergeben Sterne für faire Hotels, wo man gute Arbeitsbedingungen vorfindet. Wo Hinz&Kunzt hingeht, so denke ich, sollte man auch mal gucken. Der Zeitungskünstler und ich betreten die Hotellobby des “Atlantik”, hier erwartet man Gastfreundschaft. Vielleicht find ich hier Geschichten für die Zeitung. Eine ruhige, gehobene und sehr gastfreundliche Atmosphäre ist hier. Es riecht hier gut.

Die Damen an der Rezeption haben ein entspanntes Lächeln auf dem Gesicht. Das ist einfach schön. Der Kellner, der uns bedient ist auch sehr nett, seine Augen lachen mit, das finde ich sehr anziehend. „Es riecht hier gut“ sage ich. Er ist verwirrt, antwortet etwas über Umbaumaßnahmen, und dass vielleicht der Duft aus der Konditorei hineinkommt, durch die Lüftung. „Wohl eher aus der Sauna“ überlege ich, denn es riecht nach ätherischen Ölen, ganz leicht. Er nickt nur kurz und geht schnell weiter.

Ich wundere mich, dass wir zum Tee, der ziemlich umständlich mit großer Sanduhr geliefert wird, keine Süßigkeiten bekommen, das wäre in Belgien oder auch in Aachen völlig undenkbar. Der aufmerksame Kellner hat aber gleich bemerkt, wie ich zucke, erkundigt sich, ob wir Kekse wollen, und bingt uns eine übertriebene Silberetagère mit Schweineöhrchen und Heidesand.

Touché.

Die Sanduhr ist großartig. So etwas hat man zu Kolumbus’ Zeiten gebraucht, um die Wache auf dem Schiff abzumessen. Vier Stunden, acht “Glasen”. Aber diese, die bei uns auf dem Tisch steht, ist für die richtige Ziehzeit des Tees, schon klar. Wieso ist die aber so groß? Ich werde völlig hektisch davon, wie der Sand durchschnellt, überleg doch mal, normalerweise dauert es eine halbe Stunde, meditativ, souverain und beruhigend fließt die Zeit dahin. Hier kann ich kaum das Ding anschauen, es jagt in 3 Minuten alles restlos durch. Nun ja, man muss sich das nicht anschauen. Der Tee wird nicht sauer, wenn er einige Sekunden länger ziehen muss. Und es ist ja gut gemeint.

In der Gegend, wo ich aufgewachsen bin, sagt man „die Gäste“ zu den Kindern. Das ist eine schöne Vorstellung, die Kinder sind die Gäste, sie sind zu Besuch, werden liebevoll betreut und irgendwann sind sie wieder weg.

Ich werde hier in Hamburg der Spur der Gastfreundschaft folgen. Dazu muss ich noch mehr Menschen mit Ideen kennenlernen. Als Gast darf man sich doch etwas wünschen. Ich würde gerne hinter die Kulissen schauen, sehen, was die Stadt bewegt. Ich bin auf der Suche nach interessanten, leckeren, originellen, freundlichen Projekten. Und nach den Menschen hinter solchen Projekten. Was treibt sie an? Wo holen sie die Kraft und die Energie her, die sie für die Umsetzung einer zündenden Idee brauchen? Wie viel Herzblut kostet es? Man kann jahrelang versuchen, etwas mit harter Arbeit am Laufen zu halten, aber wir alle wissen, wenn das Herz nicht dabei ist, funktioniert es nicht.

Man kann mich kontaktieren, um mir Ideen zu zeigen. In bin für ein Interview da, ich schreibe gerne einen Artikel über ein schönes Projekt.

Ich liebe gute Geschichten.

hey@diestadtschreiberin.de

k.gillis@hamburger-gast.de



60 Meilen von der Elbmündung entfernt

hamburger gast 2019 Posted on Wed, August 14, 2019 00:05:52

Letzte Nacht wollte ich nicht einschlafen, so schön war das Geräusch der Regentropfen auf dem Holunderbusch vor meinem Fenster. Ich kann stundenlang dem Regen zuhören, er beruhigt mich, er erzählt mir Geschichten. Heute hat auch mit Regen angefangen. Ich liebe diese Tage, keiner verlangt von dir, dass du fröhlich bist und dein Sommerkleid an hast, dass du leichtfüßig auf Sandalen durch die Straßen tanzt und “guten Morgen liebe Kinder” singst.

Jana hat mir ihr Fahrrad ausgeliehen. Fahrradfahren ist wie fliegen, die Stadt schrumpft unter den Rädern!

Alles liegt plötzlich viel näher zusammen, man bekommt einen besseren Überblick und fühlt sich leicht wie ein Vogel. Auch wenn man immer wieder hört, wie gefährlich es doch ist, durch die Stadt zu fahren, fühle ich mich hier total sicher, das Radfahren ist hier voll entspannt, wenn es haarig wird, kann man immer ohne Schwierigkeiten ausweichen, die nächste Radspur rettet dich.

Man kann einfach wie ein vollwertiger Verkehrsteilnehmer die Straßen benutzen. Einen ganzen Streifen hast du für dich, und zwar einen Streifen, der dich nicht auf einem 7%-Hang zwischen Bus- und Autospur führt, wie in Aachen.

In Bergedorf ist das Schloss im Regen sehr schön, fast verwunschen. Die Leute, die reinkommen, sehen plötzlich wie echte Wanderer aus, komplett in Funktionskleidung gehüllt, Wanderstiefel und mit regenfestem Gepäck unterm Arm. “Gibt es hier ein Alkohol-Verbot?” fragen sie direkt und sehen spähend um sich, sie wollen natürlich wie echte Wanderer Hefeweizen trinken, und das Café hat nur Kaffee. Ich erkläre, dass sie im Park schon Alkohol bekommen können. Dort ist er zwar auch verboten, aber wenn man ihn in Limonadenflaschen abfüllt, geht er durch. Sie können ja mal nachfragen.

Ich sitze eine Weile im Café, trinke einen Flat White (statt Cappuccino, man muss wissen, was man heutzutage bestellt) und entscheide mich, dass ich nicht den ganzen Tag einfach wie Rapunzel vor mich hinträumen kann, flat und white.

Dafür bin ich ja nicht hier, mein Haar ist nicht einmal lang genug. Es gibt übrigens so viele Friseure in Bergedorf, dass ich mich echt frage, ob es überhaupt noch Haare gibt hier.

Solche Überlegungen bringen mich auch nicht weiter.

Hey Hamburg, denke ich, ich brauche dich! Du bist Hamburg! Ich bin nur der Gast. Ich nehme mir vor, die Gastfreundschaft dieser Stadt mal zu erforschen. Wo fange ich an? Fühle ich mich willkommen in Bergedorf? Nun ja. Sicher. Es gibt einen sehr netten Polizisten. Und bald gibt mir Lisa eine private Führung durch die Vierlanden. Davon werde ich berichten. Aber heute reicht es mir nicht. Ich kann nicht den ganzen Tag Kaffee trinken und über haarige Themen grübeln.

Es gibt nur eine Möglichkeit, ich muss mich mal wieder bewegen.

Ich habe gehört, es gibt ein Hammercafé. Richtig, in Hammerbrook. Die Rösterei Maya ist schnell gefunden, die Terrasse ist voll, es steht eine Schlange bis draußen, alle wollen Kaffee trinken. Aha, denke ich, also doch. Es ist eine Rösterei, sie verkaufen handwerklich veredelten Premium-Kaffee, biologisch, fair gehandelt, von Kleinbauern, in selbstverwalteten Kooperativen. Aha. Toll.

Aber ehrlich, er schmeckt auch so.

Und da sind sie, die biologisch abbaubaren Kaffeekapseln. Genial. Ich nehme mir vor, hier noch mal einen Termin zu machen, ich will mit den Leuten reden, die so eine Rösterei betreiben. Wie schafft man es, sogar Kaffee-to-go-Becher anzubieten, die nicht nur biologisch abbaubar sind, sondern auch noch von der Chefin selbst entworfen wurden? Anhand der eigenen Zeichnungen?

Das ist Gastfreundlichkeit für Fortgeschrittene.

Mir kommt die Idee, dass ich das möchte. Etwas zum Anfassen. Worte, die gedruckt sind. Da ich das Talent meiner Urahnen noch nicht weiterentwickelt habe und keine wirklich gute Malerin bin, entscheide ich, dem geschriebenen Wort wieder seinen Wert zu geben, den es verdient. Michael findet, dass ich diesen Blog als Zeitung herausbringen soll. Er weiß, was zu tun ist.

Diese Idee fällt bei mir auf fruchtbaren Boden. Es folgen einige Fachgespräche, das Projekt nimmt Form an.

Und so kommt es, dass etwa 60 Meilen von der Elbmündung entfernt, auf dem Nordufer der Elbe, am Zusammenfluss des kleinen Flusses Alster mit der Elbe, die Zeitung „die Stadtschreiberin“ entsteht. Sie wird Mitte September fertig sein.

Hamburg und die Gastfreundschaft. Das soll der Leitfaden für diese Zeitung werden, damit kann ich etwas anfangen. Das werde ich jetzt mal untersuchen.

Fühlt man sich willkommen, wenn man im weltweiten Spinnennetz Gastro-Tipps abrufen kann? Restaurants und Cafés scannen?

Sollte man sich nicht die Mühe machen, es mal alles aufzuschreiben? In einer echten Zeitung? Ja, denke ich mir, das werde ich tun. Ein Gästebuch ist doch immer noch mehr wert als ein Internet-Kommentar. Man spürt es besser, wenn es geschrieben ist. Und ja, so denke ich, darauf kommt es an.

Sich als Gast willkommen fühlen.



Forewer

hamburger gast 2019 Posted on Sat, August 10, 2019 21:43:36

Das Schiff gleitet übers stille Wasser. Ich befinde mich auf „uns Ewer“, ein Nachbau von den Schiffen, die früher Obst und Gemüse von den Vierlanden nach Hamburg brachten. Es gab keinen Plan mehr, wie diese Schiffe gebaut wurden, also hat man anhand von Fotos versucht, das Boot so gut wie möglich nachzubauen. 2013 wurde es fertiggestellt und sieht ganz schön alt aus.

Der Förderverein „Vierländer Ewer e.V.“ kann alles über den Bau dieses Schiffes erzählen. Einfach war es nicht, aber viele Leute haben mit angepackt und so hat es geklappt.

Faszinierend ist das Kalfatern: Hanf wird in Leinöl gelegt, bis es sich vollgesaugt hat. Dann drückt man es in die Fugen zwischen den Planken und versiegelt es mit warmem Harz, das mit Leinöl verdünnt wurde. Da das Holz noch arbeitet darf man es nicht zu fest andrücken. Aber schon fest genug, man will keine Öffnungen im Schiffsrumpf haben.

Am interessantesten ist, dass es natürliche Mittel sind, die man dabei verwendet.

Holz, und das weiß ich, denn ich arbeite für eine Firma, die ökologische Fertighäuser aus Holz herstellt, kann man biegen. Man muss es nur ein paar Stunden ins Dampfbad legen, und dann kann man es einmal biegen. Nicht mehr, nur ein einziges Mal. Es muss sofort verarbeitet werden.

Holz ist einfach ein großartiger Baustoff.

Es gibt auf dem Fluss hier keine Strömung. Er wurde vor langer Zeit von der Elbe abgetrennt, damit die Elbe besser schiffbar wurde. Der Seitenarm heißt Dove Elbe, doof heißt taub auf niederländisch. Ein tauber Fluss, es ist fast gruselig. So ohne Strömung. Ich würde ihn gerne nachts mal befahren. Vielleicht finde ich noch jemanden, der mich in der Nacht über die Dove Elbe schippert. Es müsste schnell passieren, erstens ist es jetzt Sommer und nachts noch angenehm, und zweitens überlegt man, den doven Seitenarm wieder freizumachen, so dass der Schlick aus der Elbe besser verteilt wird. Das würde heißen, dass dieser Fluss wieder einen wechselnden Wasserstand hätte, und dass er manchmal weniger als einen Meter tief sein würde. Der Ewer würde ihn weiterhin befahren können, andere Schiffe hätten dann Schwierigkeiten. Der Fluss würde wieder zu reden anfangen, zu flüstern, mal leise, mal lauter. die Strömung wäre wieder da, er wäre ein ganzes Stück widerspenstiger als jetzt.

Ich besuche das Rieckhaus. Schon krass, wie die Leute gelebt haben. Ein Feuer in der Mitte, überall Rauch, die Würste hingen einfach so von der Decke und wurden geräuchert. Das Fettnäpfchen stand am Boden, um das heruntertropfende Fett aufzufangen. Der Tag im Hof bestand einfach aus Arbeit. Wenn etwas kaputt war, musste man bis zum Winter warten, dann hatte man Zeit zum Reparieren, weil die Tage kürzer waren.

So ein Bauernhof war natürlich schnell mal abgebrannt. Das Feuer war offen. Viel Holz, ein Reetdach. „Die Tiere“, so erklärte mir der Bauer, „brennen wie nichts“. Ich sehe ihn erschrocken an. Wie meint er das? „Sie kamen oft zu nah ans Feuer, rannten dann in Panik durchs Haus und verbreiteten überall Funken“. Ach so.

Was dann am schnellsten gebrannt hatte, waren die Spinnengewebe. „Die brennen wie nichts“. Vielleicht kann ich den nächsten Frühjahrsputz mit einer Streichholzschachtel erledigen. Met een luciferdoosje. Oder mit einer Hauskatze. Nun ja.

Später führt Jörg mich noch durch das bergedorfer Schloss. Es lohnt sich auf jeden Fall, so eine Führung zu machen, sonst versteht man die Hälfte nicht. Jörg kennt sich gut aus, er erzählt die Geschichte interessant und spannend.

Man kann natürlich auch einfach so nach Bergedorf kommen, Kaffee trinken und Kuchen essen. Haferdrink für den Kaffee: check!

Am Empfang in der Burg sitzt Ronald, der mir hilft, wenn ein Wort mir nicht einfällt, oder wenn eine Bedeutung nicht ganz klar ist. Wenn ich etwas über Bodo, den Schlosshund wissen will. Er kennt sich aus. Er schmeißt den Laden. Er ist gut gelaunt.

Und das ist einfach schön, morgens auf der Arbeit anzukommen und freundliche Leute zu sehen…



Blank-O

hamburger gast 2019 Posted on Thu, August 08, 2019 19:05:36

Herr Blank dreht sich noch mal um.
Es ist früh, und auch wenn er meistens mit der Lerche aufsteht, genießt er jetzt gerade noch das Aufwachen. Die Sonne ist schon aufgegangen, er sieht das Licht, wunderbar gefiltert zwischen den Blättern der großen Buche. Sie sind sattgrün, bewegen sich sanft in der Morgenbrise. In der Luft hängen einige leichten Wölkchen, es verspricht wieder ein wunderschöner Augusttag zu werden.

Es hat letztes Wochenende ein Gewitter über Bergedorf gegeben. Am Samstag gab es um halb acht abends strömenden Regen, das Weinfest war in vollem Gange. Herr Blank lächelt, wenn er daran denkt, wie er dennoch eine Bratwurst gegessen hat, unter einem Vordach, wie er den Regen angeschaut und das Fest genossen hat. Es war dringend nötig, dass es mal geregnet hat, der Boden war viel zu trocken.

Er ist 54 und getrennt, hat einen Sohn.

“Mein Bruder wohnt in Bergedorf, wir besuchen ihn”, sagt der junge Mann. Er spaziert mit Freundin und Bruder durchs Schloss. Ich nicke und bedanke mich, habe ich doch gefragt, was sie hier machen. Ob sie Herrn Blank kennen? Nein, kennen sie nicht. “Er wohnt hier im Park”, sage ich. Schulterzucken, ein höfliches Lächeln. Sie gehen weiter.

“Die Fenster sind hier ganz zugewachsen”, sagt die Frau mit leichtem osteuropäischen Akzent. “Sowas ist nicht gut, man sollte den Wein schneiden”. Sie hat Recht, die Fenster auf dem Innenplatz am Nordostflügel des Schlosses sind ganz von wildem Wein bedeckt.
Ihre Hände kribbeln, sie will die Pflanzen abschneiden, die Fenster befreien, sie waschen, mit viel Wasser und Ammoniak. Die Rahmen mit einer Bürste scheuern, dann mit einem Leder die Scheiben glänzend rubbeln. Sie will auch innen die Fußböden bohnern, mit dem festen honiggelben Wachs. Sie beherrscht sich.

Letzte Woche hat sie sich nicht beherrschen können. Letzte Woche hat sie einen Ausflug in den Botanischen Garten gemacht. Sie hat an einer Führung teilgenommen. Die junge Studentin mit der großen Brille hat erklärt, welche Biotope gerade dargestellt wurden. Es ging alles gut, sie hat ruhig das Moor bewundert und die Heidelandschaft. Sie hat an dem Feuchtbiotop geschnuppert. Aber als die Studentin die Gruppe dann in den traditionellen Bauerngarten eingeführt hat, ist sie durchgedreht. Die Blumen, das ging ja alles noch. Wunderbare Stauden, sie hatte ein leichtes Bedauern, dass sie keine Schaufel dabeihatte.

Aber das Gemüse! Die Salatköpfe, die schon schießen, der Spargel, der in großen, weiten, hellgrünen Farnwedeln ausgewachsen dort steht, der Sellerie, der ein Meter hoch ist und blüht. Nichts wird hier geerntet!
“Es ist hier strengstens verboten, die Blumen und Pflanzen zu pflücken”, hat die Studentin am Anfang der Führung gesagt und dabei ernst um sich geguckt. Die Frau hat auf den Boden geschaut.
Im Bauerngarten hat sie sich zurückfallen lassen, die anderen Teilnehmer schlenderten alle an ihr vorbei. Sie schaute den Brokkoli an, hoch und ausgewachsen. Sie sah den Blumenkohl, fast jeder einzelne schon längst über den Erntezeitpunkt drüber. Sie nahm schnell ihr Opinell-Taschenmesser, das große, schnappte es auf und schnitt blitzschnell zwei kleine Blumenkohle ab. In einer geschickten Bewegung landeten sie in ihrer Tasche.
Sie schaute flugs um sich, versteckte sich hinter einer Hecke und wartete einige Minuten. Sie musste sich kurz von dem Raub erholen, ihr Herz raste. Sie überlegte, rechtsumkehrt zu machen, denn sie hatte ihr Gemüse jetzt. Aber da sie in einer Liste eingetragen war, entschied sie sich dagegen, holte tief Luft und reihte sich wieder unauffällig bei der Gruppe ein, gerade als sie das Tropengewächshaus betreten wollten. Den Felsgarten hat sie verpasst, aber was soll’s.

Heute im Bergedorfer Schloss läßt sie den Wein in Ruhe, obwohl das Messer in ihrer Tasche zittert.

Ich notiere mir die Geschichten um mich herum und freue mich, dass ich im Bergedorfer Schloss meinen ersten Schreibtag habe. Oben im Museum habe ich den Tag angefangen, aber die Museumsluft macht mich schläfrig. Ich hatte mich nur kurz auf das Sofa gesetzt und bin sofort eingeschlafen. Deswegen bin ich jetzt auf der Terrasse.

Klaus-Dieter Blank habe ich heute morgen im Park getroffen. Er braucht dringend medizinische Hilfe. Er wird von den Kumpels mit Essen und Trinken versorgt, aber seine Hände sind ganz geschwollen, die Lippen völlig aufgeplatzt. Er hat ein Geschwür am Bein. Als der Krankenwagen gerufen wurde, wollte man ihn nicht mitnehmen, weil er ja noch laufen konnte. Und falls doch, kostet das 500 Euro. Das will er nicht zahlen, obwohl er das Geld hätte. Sein Betreuer kommt am Wochenende aus dem Urlaub zurück.
Er hat mir gesagt, dass ich seinen echten Namen verwenden kann, wenn ich über den Park schreibe. Seine Frau ist weg und sein Sohn ist im Knast. Er lebte in der blauen Lagune und jetzt im Park. Seine Kumpels sorgen für ihn, zusammen räumen sie den Park auf, die Flaschen und so, es spielen doch Kinder und Hunde dort. Er versucht sich fit zu halten, schafft schon 2 Liegestütze.

Er steht meistens mit der Lerche auf, hat etwas gegen Langschläfer.



stadtfremlich

hamburger gast 2019 Posted on Tue, August 06, 2019 18:55:19

Hier stehe ich in der fremden Stadt. Alleine. Ich versuche, die Spuren der langen Reise wegzuwischen. Die Wohnung ist fremd, ich stelle meine Sachen hin, schließe die Tür ab. Tränen springen mir in die Augen, ich bin alleine. Ich lege mich aufs Bett, will mich ausruhen, springe wieder auf. Esse die zermatschten Blaubeeren, die ich mir für die Reise eingepackt hatte. Im Schrank sind Teebeutel, ich koche mir einen Tee. Habe Hunger. Setze mich an den Schreibtisch.

Ich sitze vor einem Blatt weißes Papier und will eine Geschichte schreiben. Über eine Frau, die eine Stadt erobert. Ich will über den Hafen schreiben. Aber was denn. Was kann ich berichten, ich kenne ihn nicht einmal. Bis jetzt habe ich nur Gleise und Straßen gesehen. Gibt es überhaupt Schiffe, gibt es einen Hafen hier? Wo liegt er eigentlich?

Ich bekomme jetzt einen tierischen Hunger. Am Besten, ich gehe hier erstmal gleich um die Ecke. Dort gibt es anscheinend unglaublich hippe Lokale. Dort kann ich mich hinsetzen, etwas bestellen, vielleicht etwas Indisches, Koreanisches oder ein Gericht aus Pakistan und dabei aufschreiben, was ich um mich sehe, wie es mir schmeckt und wo man hingeht für den Espresso danach.

Ich ziehe mich warm an, es kann ja spät werden. Ich stapfe los.

Nach einer halben Stunde gebe ich fast auf. Ich habe das Gefühl, mich auf einer Hülle, die sich um die Stadt gelegt hat, zu bewegen. Ich vermute die Stadt, ich spüre sie irgendwo, aber ich kann nicht zu ihr durchdringen. Als hätte die Stadt verschiedene Schichten und ich kann mich nur auf der äußeren hin und her bewegen.

Ich finde kein einziges Lokal, das mich anspricht, es gibt eigentlich überhaupt keine Lokale hier. Ich gehe durch alle möglichen Gassen und komme nicht weiter. Ich sehe fröhliche, satte Menschen, sie kommen von der Kirmes, sie haben gut gegessen, sie reden laut und lachen laut, sie haben Ballons am Kinderwagen und Stofftiere unterm Arm. Die Menschen tun nur so, als ob alles in Ordnung ist. Die Kinder wissen, dass es nicht so ist, sie quengeln und wollen nicht weiter. Mir ist zu warm.

Ich habe Hunger und finde den Einstieg nicht. Soll ich wen fragen? Aber wonach frage ich denn? Zur Kirmes will ich nicht. Soll ich ein Kind fragen, wo es schön ist? Das wird garantiert falsch verstanden.

Als ich in der Wohnung im Internet geguckt hatte, gab es Unmengen von Restaurants, wo sind die alle hin? Können die einfach so verschwinden, sich in Luft auflösen? Wo sind all die Fotos denn gemacht worden? Ist das hier die Wirklichkeit? Versucht das Internet mich zu täuschen? Handelt es sich hier um eine Verschwörung? Vielleicht muss ich nur eine bestimmte Tür finden, die aufstoßen und in eine andere Welt hineinschlüpfen, wo man tolle instagram-Fotos macht. Vielleicht bin ich in einer Kulisse, muss ich nur dahinter gucken. Aber wie geht das?

Ich verlaufe mich und verstehe die Karten auf dem Mobiltelefon nicht. Weiß nicht, in welche Richtung ich muss. Vieles kommt mir inzwischen bekannt vor, aber ich sehe den Zusammenhang nicht. Es ist sehr warm und schwül in den vollen Gassen, ich verfluche meine Regenjacke. Will am Liebsten alles ausziehen. Immer wieder versuche ich eine andere Richtung, und immer wieder steht ein sehr großes und verschlossenes Gebäude im Weg. Es ist der alte Schlachthof. Er macht mich wütend. Bei der nächsten Sackgasse tut sich eine andere Möglichkeit auf:

Ich träume! Dies ist gar nicht die Wirklichkeit.

In Wirklichkeit liegen wir zusammen im Bett, viel zu nah zusammen, weil das Bett eine Kuhle in der Mitte hat. Du machst Atemgeräusche, es ist zu warm im Zimmer und ich habe gerade einen Traum. Ich träume, dass ich durch eine fremde Stadt laufe und den Weg nicht finde. Ich irre durch die Straßen und komme nichte weiter. Die Menschen haben keine Gesichter und ich bin auch unsichtbar. Ich muss nur versuchen, aufzuwachen. Aber ich habe Hunger. Geht das im Traum?

Letztendlich gebe ich auf. Ich frage einen vietnamesisch aussehenden Jungen, der vor einem Gebäude auf der Straße steht, was sie für eine Küche haben, er sagt “Vietnamesisch”. Ich knicke mürbe, gehe hinein, setze mich an einen kleinen Tisch und versuche mich zu konzentrieren. Wenigstens hat er mich wahrgenommen, das heißt, ich bin hier echt. Die Musik ist laut. Eine junge Frau erklärt, wie man bestellt, man kreuzt selber auf eine Liste die Gerichte an, die man gerne hätte. Ich kreuze etwas an. Sie sieht mich fragend an. “Ist das alles?” fragt sie zögernd.

Sie zeigt mir höflich die Größe der Schüsseln und ich kreuze noch 2 weitere Gerichte an.

Eine Stunde später sitze ich in der Wohnung am Schreibtisch, nackt. Ich will aufschreiben, was passiert ist, wie es beim Vietnamesen gemacht wird. Aber die leere Seiten starren mich anschuldigend an. “Du hast keine Ahnung” scheinen sie zu sagen. Ich suche den Stadtplan. Wieso kam ich nicht voran? Wieso wurde ich willenlos zwischen Kirmes und Schlachthof hin und her gespült? Wieso hat mich die Werbung “Naturdarm und Gewürze”, die über die Länge eines ganzes Hauses geschrieben war, so fertiggemacht?

Es ist 19:00, noch viel zu früh um ans Bett zu denken, ich entscheide mich, noch mal zum Wasser zu gehen. Jetzt aber gut vorbereitet, nicht mehr hungrig und mit einem Plan. Ich zieh mir ein Sportshirt an, ich ziehe meine Laufschuhe an. Jetzt wird es ernst. Ich muss vor allem vom Schlachthof und von der Kirmes wegkommen.

Es fängt mit einem Park an. Das geht. Die Kirmes ist nur zu hören und zwischen den Bäumen hindurch kann ich sehen, wie die Leute in die Höhe katapultiert werden. Mir wird schlecht, aber ich gehe tapfer weiter.

Die zähe Schicht um die Stadt fängt an, ein wenig weicher zu werden, wenn ich bei den Landungsbrücken stehe. Und dann ist es, also ob sich ein Knoten löst. Als würde ich schon sehr lange über ein Puzzle gebeugt sitzen und endlich die Stücke richtig legen können. Dort am Wasser sehe ich, wo ich bin. Ich sehe die Landungsbrücken, und dort ist die Elbphilharmonie. Ich fasse Mut, gehe weiter. Die Speicherstadt, mein Gott, hier ganz in der Nähe. Die Katharinakirche, Michaeliskirche, die Nikolaikirche. Der Fleet bei den Mühren. Alles hängt zusammen, es liegt echt alles in der gleichen Stadt. Ich werde immer mutiger, grüße Ansgar und Barbarossa. Kreuze Brücken und mache mir mentale Notizen. Das Abendlicht ist schön. In der Speicherstadt sehe ich mir staunend die architektonischen Zeichnungen an. Was für eine Leistung.

Übermutig entscheide ich, den Weg an die Alster anzutreten. Und ja, wie von alleine komme ich zum Rathaus. Ich bin an der Alster, kann hierhin und dorthin, kann die Teile miteinander verbinden.

Die Elektroroller sind alle leer. No scooters in your area. Was soll’s.

Leicht und lächelnd gehe ich zurück Richtung Karoviertel. Mache einen eigensinnigen Schlenker durch die Komponistenstraße. Die Nacht fällt schon, dunkle Gestalten schleichen durch Planten un Blomen. Es sind Kinderwagen mit Luftballons, nachts sieht alles anders aus. In der Nähe meiner Wohnung sehe ich plötzlich die ganzen Lokale, die schönen Ecken, die fröhlichen Leute. Den Schlachthof sehe ich nicht mehr.

Ich finde fast von alleine den Weg zurück und könnte vor Freude tanzen. In Gedanken rufe ich noch mal die Türme auf, die sich heute in mich verankert habe. Die Landschaftsmerkmale. Wasser. Brücken. Kirchen. Ich bin durch die zähe Schicht gebrochen. Ich bin in der Stadt angekommen. Ich habe meine Orientierungsfäden durch die Straßen und über die Plätze gezogen, sie glitzern im Sternenlicht.

Im Himmel steht ein ganz feiner Sichelmond.

Einige Puzzlestücke fehlen noch, aber ich brauche nicht mehr zu verzweifeln. Es gibt eine Stelle im Gehirn, wo diese Stadt jetzt eingraviert ist, zwar noch als unfertige Skizze, aber sie ist da. Oder im Herzen?

Vielleicht eher noch im Herzen.

Den Espresso danach gibt es im Café nebenan. Davor oder danach, die schöne Wirtin fragt nicht. Dafür frage ich sie auch nicht, ob sie gerade erst den Laden eröffnet hat, jetzt, heute Abend, vor ein paar Stunden. Ich sage nichts. Jetzt bekomme ich sogar das entfernte Gefühl, es ist eine Ahnung erst, ganz vage, aber es ist da, dass ich zuhause bin.



die Uhlenhorst

hamburger gast 2019 Posted on Sun, August 04, 2019 16:25:55

Mitten in Hamburg

Geographisch mitten drin ist nicht die Elphi, nicht der Jungfernstieg. Nicht einmal der Mariendom ist die Mitte Hamburgs. Wenn man mitten in Hamburg steht, steht man auf der Uhlenhorst. Neben der St. Gertrudkirche, unter der Luthereiche. Das ist der geographische Mittelpunkt. Bon Papa wusste das. Er wusste immer, auf welchen Koordinaten er sich befand. Er hatte einen inneren Kompass, kannte die Windrichtungen und fühlte die Wetteränderungen. Jedes Mal, wenn er in der Stadt war, ging er zu ihrer Mitte und schaute über die Außenalster.

Er kannte nicht einmal den Mariendom.

Er sah übers Wasser zur schönen Stadt. Am liebsten im Winter, denn dann hatte man einen klaren Blick auf die Strukturen.

Er liebte das kühlere Wetter, er liebte seinen Dufflecoat. Auf diesen Mantel war er stolz, wurde er doch in Duffel, in der Nähe von Antwerpen, entworfen und gefertigt. Schon im 15. Jahrhundert stellte man dort einen festen Lakenstoff aus englischer Wolle her, exportierte ihn in ganz Europa.

Mit der Ankunft einer Textilfabrik mit Dampfmaschine fing in Duffel die industrielle Revolution an.

Bon Papa hatte seinen Mantel nicht in Antwerpen gekauft. Er kaufte bei Ladage & Oelke ein. Er hatte nicht viele Anzüge, nur wenige Hemde. Einige Westen. Die meisten seiner Kleider waren speziell für ihn geschnitten. Er sah immer gleich aus.

Julius Franck war ein Freund von ihm. Er besuchte ihn zweimal im Jahr.

Es ist Winter. Ein frostiger Tag, die Wintersonne steht tief in einer kristallklaren Luft. Er geht am dunklen Wasser entlang. Er bleibt kurz stehen, er blickt auf die Stadt in der Ferne. Er sieht die klaren Linien, es sieht, dass alles in Ordnung ist. Es ist windstill. Es ist Januar. Das Licht sorgt dafür, dass die Stadt sich scharf wie noch nie in der Ferne zeigt. Er hat nächste Woche Geburtstag. Er weiß, es wird sein letzter sein. Er weiß, diese Stadt sieht er so nie wieder. Er lächelt müde und geht nach Hause.

Es ist Sommer. Ich bin auf der Uhlenhorst. Es blüht und zwitschert und raschelt um mich herum, hier sind viele Leute unterwegs. Man radelt, spaziert, lacht und redet mit den Hunden.

Ich stehe unter einer Buche und blicke auf die Stadt in der Ferne.

Ich weiß, warum Bon Papa den Winter mochte. Ich sehe das wüste Geblätter um mich herum, die Bäume tuscheln übermütig laut, sie lassen schwer ihre dunkelgrünen Kleider rauschen. Es lenkt mich ab, so erkennt man nicht, was wichtig ist. Ich fühle mich mitten in einem barocken Gemälde. Überall sind Blumen. Gevögele. Putten. Ich würde mich über üppige nackte Frauen mit dickem, wehendem Haar und prächtigen Hintern nicht einmal wundern.

Die Stadt in der Ferne sehe ich durch einen Dunst. Vage und nicht an einem festen Platz, als würde sie unter der heißen Augustsonne vibrieren. Sie wird zum Glück vom Wasser gekühlt und von vielen Baukränen unterstützt, sie halten sie sicher in ihren Fugen.

Eine Gruppe von Männern fährt in einer Barkasse vorbei. Sie tragen Badelatschen und bunte Shorts, T-Shirts, zu groß oder zu klein. Sie lachen und trinken Bier. Sie haben noch nie eine Zigarre geraucht.

Was würde Julius Franck dazu sagen?



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