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Hamburger Gast

gastliche Termine

termine Posted on So, November 17, 2019 10:00:21

Bevor es am Ende heißt: Was? Schon weg? Weisen wir noch einmal auf die Möglichkeit hin, den aktuellen Hamburger Gast, die derzeitige Stadtschreiberin, also: Katelijne Gillis persönlich zu treffen. Von montags bis freitags, von 11.00-13.00 und von 15.00-16.00 Uhr begegnet man ihr an ihrem Schreibtisch in der Zentralbibliothek der Bücherhallen Hamburg (Hühnerposten 1), und kann von ihr erfahren, an welchen literarischen Projekten sie derzeit arbeitet. Oder wie es so war: in Schloss, Theater und Kulturwerkstatt.



die Stille

hamburger gast 2019 Posted on Fr, November 15, 2019 01:20:15

Ich habe jetzt ein Buch von Rembrandt vor mir liegen. Ich sehe, wie er auf den Selbstportraits in Stille altert. Was für ein plastischer Ausdruck der Zeit. Wie ist es mit meiner Zeit in Hamburg? Dies ist der letzte Monat hier, einige Sachen müssen noch gefestigt werden, damit sie für immer lebendig bleiben. Je intensiver man Momente  erlebt, um so tiefer bleiben sie in der Erinnerung haften. Die Zeit kann man eben doch anhalten.

Ich nehme mir vor, nächste Woche noch mal in die Kunsthalle zu gehen, einen Blick auf die Schätze werfen dort. Einmal reicht natürlich nicht. Ich werde ins Kabinett absteigen, ins Kupferstichkabinett. Heute ist eine ganz andere Art von Kabinett in Hamburg angesagt. Es läuft die Umweltminister-Konferenz und damit werden 4.000 Trecker in die Stadt gelockt. 

Kabinett kommt von petite cabine, cabinette, also eine kleine Kammer, ein Hinterzimmerchen, mit Hintertürchen, wir sind hier letztendlich in der Politik.

Eine flinke Bäuerin mit strahlend blauen Augen und rote Backen hat mir eben am Jungfernstieg einen Flyer in die Hand gedrückt, als ich mit meiner Tochter Sophie durch die Sonne Richtung Bücherhallen spazierte. Sophie: „diese Leute muss man bewundern, die wissen wenigstens, wie sich Erde in Essen verwandelt, wir brauchen die noch“. Wir grüßen freundlich die Landwirte, die neben den Treckerkolonnen durch die Stadt marschieren und verraten diesmal nicht, dass wir Veganer sind. Man muss wissen, welche Info wann hilft.

In den Bücherhallen ist mittags richtig viel los, es laufen –bewundernswert geordnet- Schulklassen durchs Gebäude, die Kinder voller Elan, mit glänzenden Augen, nicht, weil sie der Bücherschatz so beeindruckt, sondern weil sie nicht in der Klasse stillsitzen müssen, die Lehrer argwöhnisch über so viel Freude. Sie blicken suchend um sich, trauen der Situation nicht, kennen die Risiken eines solchen Ausflugs, aber haben ihn nichtdestotrotz heute morgen tapfer angetreten. 

Ich stelle das Rembrandt-Buch wieder ins Regal und denke über die Maler aus den Niederlanden nach, ich habe eine Landschaft von Pieter Breugel im Kopf, vielleicht die Jäger im Schnee, das in Wien hängt. Das war noch ein halbes Jahrhundert vor Rembrandt.

Den ganzen Tag sieht und hört man die Trecker durch Hamburgs Innenstadt fahren. Sie sind morgens früh in Formation gekommen, wollten zum Gänsemarkt, klar, wohin denn sonst, war doch gerade Sankt Martin. Ich sehe mir die Maschinen an und frage mich, wieso alle durch die Stadt fahren müssen. Ich erinnere mich an andere Trecker von früher, nützliche Trecker, die einen gerettet haben. Zum Beispiel, wenn man eingeschneit war. 

Als ich noch in Düsseldorf gewohnt habe, gab es immer wieder mal viel Schnee im Winter und dazu Messegäste, die ein Hotel im Umland gebucht hatten. Sie hatten meistens ihre Fahrkunst auf den glatten Wegen total überschätzt.

Aber wenn man im Düsseldorfer Umland vom Weg abkommt, gibt es Rettung. Agathe, ein schöner, blonder Engel kommt auf einem Trecker durch den Schnee gepflügt und bringt die verlorenen Messegäste schnell und ohne Weiteres wieder auf den richtigen Weg. Meine Freundin Agathe.

Weitere Erinnerungen kommen jetzt, Erinnerungen aus meiner Kindheit. Januar hat die Bäume einfrieren lassen, so dass wir das Knacken im Holz gehört haben. Die Teiche waren zugefroren, die Fenster in unserem Haus hatten eine Eisschicht an der Innenseite. Januar hat den Verkehr zum Stillstand gebracht. An einem Dreikönigstag vor langer Zeit lag der Schnee dick und weich über die Landschaft. Sogar bei uns im Flachland.

Wir wollten mit dem alten Auto und dem Hund an die Küste fahren, meine Schwester und ich. Wir wollten einen Freund von mir besuchen, der uns in sein Ferienhaus eingeladen hatte. Wir haben uns mühsam durch den Schneesturm gepflügt, das Auto hat aber nach wenigen Kilometern schon aufgegeben. Wir mussten in ein Bordell hineingehen, denn sonst hatte alles zu, um unseren Nachbarn anzurufen. 

Als er mit seinem Trecker ankam, war unser Auto komplett eingeschneit. Er hatte ein Tau dabei, er hat uns abgeschleppt. Zuhause waren die Leitungen eingefroren und die Heizung ausgefallen. Wir haben ein Holzfeuer im Kamin gemacht und aus den Schlafzimmern Decken geholt, in denen wir uns eingewickelt haben. Zu essen gab es Linsensuppe aus der Dose, im Kamin warmgemacht. Nachdem der Nachbar den Trecker nach Hause gefahren hat, ist er noch mit Schnaps vorbeigekommen. Er hat sich weiter ums Feuer gekümmert. Das konnte er. Er wusste, wie man ein gutes Feuer macht. Er hat bei uns übernachtet, in der Mitte.

Einige Tage später, als die Straßen geräumt waren und die Sonne schien, haben wir Waffeln gebacken. Wir haben sie ins Bordell gebracht, um uns für die Hilfe zu bedanken. Sie waren noch warm. Die Besitzerin hat sich gefreut, sie hätte sonst niemanden, der für sie Waffeln backt.

Daran erinnere ich mich, wenn ich auf dem Fahrrad durch die Kälte am Bahnhof vorbeifahre. Es gibt bestimmt Leute, die gerne frisch gebackene Waffeln bekommen würden, einfach so. Backen Sie nächstes Mal ein paar mehr, und verteilen Sie sie auf der Straße. 

Breugel hat oft die Bauern im Herzogtum Brabant gemalt, das einfache, harte Leben, das Leiden und auch das Feiern, die schwere Arbeit, lange bevor es Trecker gab.

Die Menschen, die Landschaft, die Weite, die Stille. 



Ahornrot

hamburger gast 2019 Posted on Do, November 14, 2019 14:29:05

In Blankenese gibt es eine Kaffeerösterei, Carroux. Das Lokal riecht nach frisch gerösteten Kaffeebohnen, aber dafür bin ich diesmal nicht gekommen. Ich muss kurz aufwärmen, trinke einen Hafermilch-Cappuccino und denke, nicht schlecht. Aber dann geht es weiter, wieder raus in die kalte Novemberluft, ich wollte eigentlich Fotos machen.

Natürlich macht hier jeder Fotos, es ist nicht wirklich originell, es laufen hier Leute mit Profi-Equipment herum, sie stellen sich an den Straßenecken und fotografieren. Es gibt hier tolle Motiven, phantastische Häuser in den Hang gebaut, verwinkelte Steintreppen, feuerrote Ahornbüsche, sonnengelbe Buchen, tanzende Blätter auf tausenden Stufen, Parks, Gärten, auf allen Höhen. Und immer wieder zwischen den Häusern gibt es den befreienden Blick auf die silbrig schimmernde Elbe. Alle Architekturperioden sind hier vertreten, man kann richtige Studien machen. Es gibt hier einen Strand, eine Strandpromenade und einen alten Leuchtturm, der immer noch funktioniert. Im Rücken wird er von einem neuen Leuchtturm verstärkt, die beiden geben ihre Signale gleichzeitig. Es gibt hier das Schiffswrack Uwe.

Die Leute, die hier durch die Straßen stapfen scheinen fit zu sein, auch die älteren, sie sind fidel und total durchtrainiert. Kein Wunder, so bald man die Haustür verlässt, steht man auf einer Treppe. Es sieht hier wie ein Fischerdorf südlich der Pyrenäen aus.

Aber es ist Blankenese, es ist windig und sehr kalt unten an der Elbe. Dort stehe ich und warte auf die Fähre, eine Dame kommt aus dem Ponton Op ‘n Bulln und erzählt mir, wie sie gerade Lumumba mit Sahnehaube getrunken hat. “Kennen Sie das? Es heißt auch Tote Tante”. Jetzt muss sie selber sehr lachen. ”Nein, Sie sind viel zu jung, das haben wir in den 60-er Jahren getrunken”. Sie sagt, viel besser ist es, einen Schuss Kakao in den Rum zu tun als umgekehrt, vor allem bei diesem Wetter, und das hätten sie hier gut hingekriegt, sie sei jetzt richtig durchgewärmt. So muss das sein, und weiter läuft sie.

Sie hat einen roten Mantel an. Ich sehe ihm nach, und wenn ich schon mitten auf der Elbe bin, auf der Fähre, sehe ich immer noch den Mantel, halbwegs auf dem Hang, auf einer der Treppen, wie er dort tanzt, unter einem flammenden Ahorn, der die gleiche Farbe hat. Einige rote Fragmente lösen sich und wirbeln um die Tänzerin herum, wirbeln hoch in die Luft und fangen die Sonnenstrahlen ein, die jetzt ganz kurz durch die Wolkendecke brechen. 

Die Fähre bringt mich zu den Landungsbrücken, und kurz danach bin ich wieder in den Bücherhallen, ich finde es schön, nachmittags hinzugehen, denn wenn es draußen dunkel wird, kann man sich richtig fallen lassen. Man kann reinkommen, in die Garderobe gehen, den Mantel und die Stiefel ausziehen (das habe ich beobachtet, das machen die Besucher hier) und in Pulli auf Kuschelsocken zu den Büchern gehen. Es gibt schöne Sitzecken, richtige Arbeitsplätze, Gruppenarbeitsplätze, es gibt ein Klavier zum Üben, bitte mit Kopfhörern. Und vor allem, und das ist die Stärke dieses Vereins, ich treffe auf nette, hilfsbereite Menschen, die seltene Bücher finden, die sich in den Tiefen des Bücherhauses auskennen, die scheinbar mühelos das gewünschte Buch aus einer Reihe herausziehen, als hätten sie gewusst, dass ich genau dieses Buch genau jetzt brauche, Röhrenverstärker, Nachbauten und Projekte, und sie geben es mir mit einem Lächeln. 

Eine Frau in einem ahornroten Mantel läuft an meinem Arbeitstisch vorbei, ich spreche sie nicht an, sie kennt die Vorgeschichte nicht. 

November: ein gutes Buch, 400.000 zur Auswahl. Eine Kunsthalle ganz nah und in allen Windrichtungen die großen und kleinen Bühnen, die Welt.



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