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Hamburger Gast

am helllichten Tag

hamburger gast 2019 Posted on Fri, August 23, 2019 10:59:56

Der Morgen ist frisch und schön im Schanzenviertel. Die Leute, die an der Roten Flora wohnen sind schon aufgestanden, die Betten sind gemacht. Ich gehe weiter und sehe die Grüne Flora. Draußen stehen Holzkisten mit vielen Blumen in allen Farben, sie leuchten auf dem Bürgersteig. Innen sieht es wie ein verwunschener Garten aus, auf dem Boden liegen Holzbretter in einem weißem Kiesbett. Überall gibt es grüne Pflanzen und blühende Blumen, die Blumenmädchen sind sympathisch und fröhlich. Wer wäre das nicht, in diesem Garten auf dem Schulterblatt?

Später gehe ich in einen Käseladen hinein, den letzten, den es in Hamburg gibt. Bruno Blockus hat diesen Laden schon 30 Jahre hier. Er zeigt auf die gegenüberliegende Straßenseite. “Der Bäcker dort ist schon 85 Jahre da und der Teeladen daneben schon 50 Jahre. Und das Schreibwarengeschäft. Viele Läden sind schon sehr lange hier, man kennt sich, es ist eine gute Nachbarschaft”. Wo das ursprüngliche Schulterblatt war, das Café für die Walfänger, das als Aushängeschild ein Schulterblatt vom Wal hatte, weiß er nicht. Aber das finde ich noch raus.

Bei Deathpresso suche ich Sarah. Sie ist hinten in der Rösterei und verpackt den frisch gerösteten Kaffee. Sie lernt das Rösten mit der alten Maschine, arbeitet hier schon jahrelang, sie liebt den Laden.

Ihre Mutter hat gerade alte Kaffeesäcke handgewaschen und zu Taschen genäht. Schulterblatttaschen und Rücksäcke. Ich dachte immer, Jute piekst und ist hart, aber diese Taschen sind wunderbar weich und es ist schön, sie anzufassen. Ich frage Sarah, ob sie etwas zu Gastfreundschaft erzählen möchte. Sie meint, sie freut sich über alle Gäste, aber wenn sie schon mal den homeoffice-Platz ins Café verlegen, sollten sie auch etwas trinken. Das verstehe ich, Freundschaft funktioniert von beiden Seiten, der Gast soll sich zwar zuhause fühlen, aber da eine Gaststätte nun mal von Einnahmen lebt und kein Co-working-space ist, finde ich, dass man ruhig viel essen und trinken kann, Leute gucken, Geschichten erzählen, Freunde treffen, Trinkgeld geben.

Denn überlegen Sie doch mal, wie der Kaffee zuhause schmeckt, wie oft Sie um ihn bitten müssen und wie Sie ihn serviert bekommen. Und vor allem, was Sie dafür tun müssen.

Zeit für einen Ausflug nach Altona. Da muss man erst mal wissen, wo man hingeht. Das Zeise-Haus, ein beeindruckendes Industriegebäude. Dort ist ein kleines Kino, ein Filmemachercafé und einige Läden.

Eine Kunstgalerie kann man dort besuchen, mit schönen Möbeln aus Holz, aus Leder und Stahl. Es ist ein Ableger der Panker-Galerie, oben an der Küste. Die Galeristin zeigt die Arbeiten, freut sich über den Besuch, findet es schade, dass viele Leute sich nicht hineintrauen. Also hier ein Tipp: einfach mal reingehen (und ja, einen Kaffee bekommen Sie auch).

Weiter gibt es noch die goldene Gans, statt eine Gans hängt ein großes goldenes Ei im Schaufenster. Die Idee ist gut. Wer war zuerst da? Moritz lacht und deckt die Tische ein, man kann hier frühstücken, mittags Kuchen essen und abends wird frisch gekocht. Weitere Insidertips und angesagte Orte findet man im Internet. Aber nicht weiter sagen, es sind ja Geheimtips.

Ich fahre mit der S-Bahn wieder in die Schanze und habe zum ersten Mal eine Fahrkartenkontrolle. Vier breitgeschulterte, schmalhüftige Männer stellen sich mir in den Weg. Ich suche meine Fahrkarte, ich habe ja ein Abo. Aber wo. Die Handtasche sieht eigentlich gar nicht so groß aus, aber unzählige Sachen liegen im Weg. Wieso rutscht eine so wichtige Karte immer bis in die unendlichen Tiefen? Es zeigte sich schon eine leichte Verzweiflung in den Augen der Kontrolleure. Als ich dann aber die richtige Karte hervorfischte lachten sie erleichtert und wünschten mir noch einen schönen Tag. Was für Typen. Wieso gibt es so eine Kontrolle nicht häufiger?

Ich gehe zu meiner Wohnung, trinke noch etwas bei Tuan. Er sieht wie ein Vietnamese aus, kommt aus Süddeutschland und sagt Servus.

Wenn ich diesen Bericht so lese, ist es, als ob ich die ganzen Zeit von Café zu Café crawle. Am helllichten Tag. Nun ja, es gibt solche Tage.

Man darf das Kaffee-trinken-gehen nicht unterschätzen. Man lernt interessante Leute kennen. Man ist nicht in seiner eigenen Umgebung, wo man alles unter Kontrolle hat, wo man bestimmen kann und die Verantwortung trägt. Man ist frei, kann sich einfach gehen lassen, rein- und rausgehen, wann man möchte und mit wem man möchte. Sich auf die neue Umgebung einlassen. Sich anpassen. ich für neue Energie öffnen. Entspannen und eine bessere Version von sich selbst sein.

Wenn die Leute in ihren Häusern sitzen und dort alleine Kaffee trinken, wird die Stadt steifer. Die Bewohner kennen sich nicht, grüßen sich nicht. Sie finden einander suspekt und senken den Blick. Sie fühlen sich einsam. Der Auftrag für die Kaffeehäuser ist: einen Ort schaffen, wo wir auf andere Gedanken kommen, uns treffen und austauschen, wo wir wachsen können und die Ideen Form annehmen. Wo wir uns selbst an andere Leute spiegeln können, unsere Argumente schärfen und eine gesunde Relativität der Dinge entwickeln. Wo wir großzügiger und spitzfindiger werden.

Sind Sie Teetrinker? Das macht aber nichts. Ich setze mich auch gerne mit Ihnen und einer Tasse Tee zusammen.

Und ich hätte gerne eine schöne Geschichte dazu.



Fleet bei den Mühren

hamburger gast 2019 Posted on Wed, August 21, 2019 22:50:43

Wenn ich das Foto von 1887 anschaue, Fleet bei den Mühren, sehe ich alte, schiefe Häuser am Fleet, ein Kellergeschoss, 3, 4 oder 5 weitere Geschosse, und ein Dachgeschoss. Der Giebel ist aus Holz, Fachwerk und Backstein, es gibt sehr viele schmale Sprossenfenster, und man kann sich vorstellen, dass man in den Häusern viel Feuchtigkeit und wenig Platz hat.

Die Wäschestangen sind an den Fenstern montiert und die Wäsche hängt modrig über das Fleet. Jedes Haus hat eine verschiedene Höhe und eine andere Dachform, manche haben einen Balkon oder einen Erker, die Meisten sind schief.

“Drogerie & Materialwaren” steht auf einem Schild an einer Häuserwand. Das Foto kommt bald in die Zeitung , dann können Sie das selber sehen. Ich freue mich, dass ich nicht Ende des 19. Jahrhunderts am Fleet wohne.

Ich fahre durch die Speicherstadt, will etwas über Tee erfahren. Dann geht man ins Wasserschloss und erkundigt sich. Der Mitarbeiter erklärt die Geschichte des Hauses.

Windenwächtern wohnten Anfang des 20. Jahrhunderts in der Speicherstadt und waren für die Wartung und Reparatur der hydraulischen Speicherwinden zuständig. Die Ware musste ja hochgezogen werden, und ohne Winde lief da nichts.

Nur die Windenwächter, das restliche technische Personal, die Hausmeister und Schuppenvorsteher durften in der Speicherstadt wohnen. Bis heute ist das Wohnen im Freihafengebiet generell verboten. Es gab nur Kontore.

Was bedeutet Kontor eigentlich? Denn alles ist hier Kontor, wo man auch guckt, wer „Kontor“ an seinem Betrieb hinzufügt, macht sich auf einmal seriöser.

Es kommt vom französischen “comptoir”, das ist der Tisch, an dem (Geld) gezählt wurde, compter ist zählen. Also es bedeutet so etwas wie Büro. Die Hanseaten hatten oft ihr Kontor, das Lager und den Wohnraum unter einem Dach, aber nicht in Hamburg: dort entstanden die Kontore als Orte für sich, wie jetzt die Bürogebäuden.

Ich radele weiter, denn ein Freund aus Aachen hat mir gesagt, ich sollte zu Hobenköök. Die Sonne scheint, es steht ein leichter Wind, es ist spätnachmittags. Das unaussprechbare Wort ist auf ein verlassenes Eisenbahngelände zu finden, perfekte Kulisse für einen Horrorfilm. Aber es die Sonne scheint, und die Terrasse sieht einladend aus, ich gehe da mal hin.

Die jungen Leute, die bedienen sind gut gelaunt, hilfsbereit und frisch, wie das Gemüse, das im Bereich der Markthalle in Holzkisten liegt und zu kaufen ist. Hier kriegt man alles und es sieht gut aus. Ich laufe durch die Markthalle. Man kann nachlesen, wo die Sachen herkommen. Ich fühle mich in der Zeit zurückversetzt. Holzkisten aus dem Alten Land. Rüben, rote Beete, Kräutern, Porree. Und sonst alles, was gerade wächst, dort draußen in den Vierlanden.

Ich will heute nichts kochen. Jetzt nicht mehr.

Christiane erzählt mir, dass es eine Halle von der Eisenbahn war. Für die Instandsetzung. Man sieht tatsächlich die Gruben, wo man die  Züge abgestellt oder repariert hat. Die 3 Gründer von Hobenköök haben eine Ausschreibung gewonnen, so dass sie ihr Projekt verwirklichen konnten. Es hat am 4. August 2018 eröffnet.

Es gab sogar crowdfunding. Coole Geschichte hier.

Draußen gibt es plötzlich strömenden Regen, er fliegt waagerecht an den Fenstern vorbei, wie eine Inszenierung, jetzt wird es doch noch gruselig. House of Doom!

Die Terrasse wird nach innen verlegt und man isst einfach weiter. Ich erinnere mich: denke auf hamburgisch! Es sieht wie Weltuntergang aus, aber die Dinge sind nicht, wie sie aussehen. Ich bestelle einen Wein, mache es mir gemütlich und sehe mir das Spektakel an.

Kaum habe ich den Teller leergegessen, scheint die Sonne wieder.

Christiane bringt mir einen Espresso (der kommt von der Rösterei nebenan) und einen unwiderstehlich fruchtigen und frischen Sorbet – zum Probieren. Nun, ich probiere und probiere und würde am liebsten jeden Tag hier probieren kommen. Alles ist lecker. Ich überlege hier bald mein home-office zu machen, glücklich, dass ich keine Windewächterin aus 1904 bin. Oder eine Hausfrau am Fleet 1887.

Wenn ich wegfahre, scheint die Sonne wieder, noch kurz bevor sie untergeht, sanft und versöhnlich. Voller rote-Beete-Power trete ich in die Pedale und ja, ich kann fast mithalten auf den Radwegen. Nur selten schießt noch etwas Verwegenes an mir vorbei, gegen Schallgeschwindigkeit. Aber ich trainiere! Ich passe mich langsam dem Rhythmus dieser Stadt an.

Hobenköök heißt Hafenküche. Ist fast Niederländisch, meine Oma hätte das sofort verstanden und auch richtig ausgesprochen.

Die Markthalle hätte sie voll begeistert.



das Gleiche in Grün

hamburger gast 2019 Posted on Tue, August 20, 2019 17:15:01

“There are kisses for us all” schreibt Oliver. Er hat für mich ein literarisches Werk zusammengefasst. Die Kurzbeschreibung eines Buches. Und welches Buch? Ja, genau, Dracula. Irland 1897. An diese Geschichte muss ich denken, wenn ich im Zug nach Bergedorf sitze und auf einer Hauswand den Spruch lese: „Kunsthalle. Leidenschaft für uns alle”.

Ob die in der Kunsthalle auch Dracula lesen?

Was mir an dem zusammengefassten Buch und auch an dem Spruch auf der Mauer der Kunsthalle gefällt, ist, dass man teilen möchte, Küsse oder Leidenschaft. Es sind beides Sachen, die beim Teilen mehr werden. Und ich vermute, dass man nicht wie die “weird sisters” aus der Dracula-Geschichte über einen jungen Mann gebeugt sitzen muss –he is young and strong-, bereit, ihn in den Hals zu beißen, sondern dass man das auch nach der heutigen Zeit transportieren kann.

 “die Zeit” hat gerade einen Spezialbeitrag über das Thema “Freundlichkeit” publiziert und im Café, wo ich den besten Kaffee der Welt trinke, liegen Aufkleber aus in verschiedenen Farben “seid nett zueinander”.

Ich sitze im Café, weil ich einen Termin mit der Chefin habe. Und zwar habe ich mich vertan, ich bin eine Stunde zu früh gekommen. Man darf nie die Kraft des Unterbewussten unterschätzen, wenn man sich um 10:30 schon zum Kaffeetrinken hinsetzt, weislicherweise das Laptop dabei hat, und eigentlich um 11:30 den Termin hat.

Es ist eine gute Gelegenheit, Leute zu gucken, perfekten Kaffee zu trinken, vielleicht hier und da jemanden etwas zu fragen. Ich fühle mich wie ein altmodischer Arzt, der sich Zeit nimmt, zu beobachten, zu horchen. Zu bestimmten Zeiten formt sich eine Schlange, denn alle brauchen plötzlich Kaffee, dann wird es wieder ganz ruhig und die Baristas können kurz durchatmen. Regale auffüllen, rösten, verpacken. Eine Dame sitzt auf der Bank, sie hat einen Filterkaffee vor sich stehen. Sie sieht wie eine Meisterin der Tarnung aus, mit der sandfarbenen Kleidung auf den Polstern aus Kaffeesäcken. “Selbstgemacht, diese Sessel,”, wie der Chef später erklärt, “das macht einer für uns in liebevoller Handarbeit”.

Ich würde gerne die Chamäleonfrau fotografieren, aber da es nicht ihre Absicht ist, sich der Landschaft so anzupassen, lasse ich es.

Das Gespräch mit Birthe und Christian Haase ist gut. Hier wird nicht mit Kaffee geworben, hier überrumpelt man einen nicht mit schlauen Sprüchen, hier geht es um das Produkt und die Liebe zum Produkt. Sie erzählen begeistert über den Kaffee, über die eigenen Projekte in den Ländern, wo er her kommt. Schulen werden gebaut, Kooperationen gegründet, faire Arbeitsbedingungen geschaffen. Kein Wort darüber, dass ihr Kaffee der beste ist, das stellen die Gäste eh selber fest. Gäste. Nicht der Kunde, der König ist?

Nun ja, der Gast spürt die Gastfreundlichkeit.

Wir schauen uns die Rösterei an, die schonende Art, die grüne Bohnen schokoladenbraun zu rösten und wieder abzukühlen, mechanisch, ohne Wasserdampf. Ich probiere eine Bohne, die erst nach Kaffee riecht und schmeckt, wenn sie aufgebrochen wird. Klar, sonst hätte man ja das ganze Aroma in der Röstmaschine. Die Bewegung der glatten grünen Bohnen, die zum Rösten in die Maschine kommen, sieht völlig anders aus wie die Bewegung der gerösteten Bohnen. Es ist wie eine Installation in einer Kunstgalerie.

Alleine die Bewegung der Kaffeebohnen.

Ich bin froh, dass ich eine Rösterei und vor allem die Menschen, die sie betreiben, kennenlernen kann.

Das passiert mir auch in Poppenbüttel, wo ich eine weitere Kaffeerösterei besuche. Ein faszinierender Ort, ganz cool mit Betonwänden, Stahlträgern und Cognacfarbenen Möbeln. Hier kennt sich jemand mit Innenarchitektur aus. Anja und Rainer Helmke lieben ihre Arbeit, so viel ist klar. Voller Begeisterung und mit einem Leuchten in den Augen erzählt Anja Helmke, wie es zu den verschiedenen Röstungen kommt. Sie zeigt zu jeder Sorte Kaffee eine Landkarte mit der Basisinfo, wie zum Beispiel, wann er geerntet wird. Und dann wird in einem Glaskasten gezeigt, wie die Sorte eigentlich aussieht, einmal geröstet und das Gleiche in Grün. Der Unterschied zwischen den verschiedenen Bohnen wird klar.

Diese Rösterei ist klein, aber sehr persönlich. Man bietet hier Seminare an, Kaffeeverkostungen, “rösten und verkosten”.

Nach dem ganzen Kaffee ist es in der S-Bahn stickig und eng, ab Hauptbahnhof steige ich erleichtert auf Janas’ Fahrrad und radele noch mal zu den Landungsbrücken. Mit einem HVV Schiff einmal durch das Binnendelta cruisen, die Nase im Wind, die Nachmittagssonne im Haar. Es ist jedes Mal schön, die Stadt vom Wasser anzuschauen und an nichts weiteres zu denken.

Und Kaffee trinken? Was zu tun ist:

sich die Kaffeebohnen anschauen, sie fühlen, grüne und schwarze Bohnen fühlen sich ganz unterschiedlich an. Sie riechen (fast keinen Geruch zu erkennen), hören, wie sie geröstet werden, die leisen Rostgeräusche, das Knistern. Die satte, volle Farbe bewundern. Riechen, wenn der Duft beim Mahlen freigesetzt wird. Das volle Aroma in eine Tasse auffangen. Fühlen, wie der Kaffee die Tasse wärmt, sehen, wie sich die Crema aufbaut. Warten. Schmecken.

There are kisses for us all.



die Nikolaikirche

hamburger gast 2019 Posted on Mon, August 19, 2019 22:18:11

Der große Brand vom 5. Mai 1842 hatte die Nikolaikirche mit ihrem barocken Turm fast komplett zerstört. Die Menschen saßen noch in der Heiligen Messe, als draußen die Stadt brennte. Sie mussten unterbrechen, flüchten, der barocke Turm stürzte auf das Kirchenschiff und vernichtete alles.

Der Spiegel berichtete 2017: “während die Ehrengäste die Götterfunken in der Elphi lauschten, flogen die Funken durch die Straßen und die Stadt brennte. Da war nichts Göttliches dabei”. L’histoire se répète.

Die Nikolaikirche wurde im neugothischen Stil neu aufgebaut, und sie wurde das höchste Bauwerk der ganzen Welt. Drei Jahre lang war sie das, von 1874 bis 1877, bis die Kathedrale von Rouen fertiggestellt wurde. Nach weiteren 3 Jahren musste diese dann den Platz für den Kölner Dom freimachen, der 1880 fertiggestellt wurde.

Der heilige Nikolaus ist der Schutzheilige von Reisenden und Seefahrern, der griechische Name Nikólaos heißt Sieg des Volkes.

Nach dem Großen Brand bekam die Stadt ein neues Gesicht: plötzlich sollte alles nicht nur funktional sein. Die Ästhetik wurde zunehmend wichtig. Man wollte sich zeigen. In Italien gab es eine ganz andere Architektur, und viele Elemente wurden übernommen. Es wurden Rundbogen (wie die Alsterarkaden) und andere klassizistische Formen gebaut. Endlich bekam die Stadt auch moderne Abwasserkanäle. Die Gasbeleuchtung ersetzte die Öllampen. Und auch das Umland profitierte: es wurden dringend ganz viele Baustoffe gebraucht, denn die Stadt musste neu aufgebaut werden. Die Ziegeleien in den Marschgebieten hatten Hochkonjunktur.

Die erste hamburger Eisenbahnstrecke war die nach Bergedorf und sollte am 7. Mai 1842 starten. Aber durch den Brand beförderten die ersten Züge anstelle von Ehrengästen Flüchtlinge aus der brennenden Stadt. Viel zu feiern gab es dabei nicht. Zehn Tage später wurde der normale Betrieb auf den nagelneuen Gleisen aufgenommen.

Ich fahre nach Bergedorf. Ich schaue die Stadt an. Ich denke.

Aachen hat Hamburg aufgebaut. Aachen.

Denn nach dem großen Brand war es die Aachener Feuerversicherung, die ein Großteil des Schadenersatzes geleistet hat. Sie hat immerhin 320.000 Talern bezahlt.

Leise sage ich: HA!



die Vierlande

hamburger gast 2019 Posted on Sat, August 17, 2019 19:46:45

Gestern nahm mich Lisa mit auf einen Ausflug durch die Vierlande. Lisa kennt sich hier aus, sie wohnt hier am Deich.

Sie holt mich mit dem Auto am Bergedorfer Bahnhof ab, ich freue mich, das Auto fährt leise, elektrisch.

Es geht durch weite Landschaften mit vielen Bäumen, Feldern, Flüssen und Seen, es gibt die herrlichsten Weitsichten und man kann das Meer riechen. “Wir sind auf unserer Tour keine Sekunde aus Hamburg” versichert sie mir. Das kann ich kaum glauben. Hamburg ist eine Polderlandschaft! Hier wohnen Bauern in reetgedeckten Höfen mit Mühlen am Deich entlang. Und Schafe wohnen hier.

Wir kommen an der Doven Elbe und steigen aus, die Weite tut gut. Am Deich kann man ausgedehnte Spaziergänge machen, der Fluß liegt ruhig da und reflektiert die Sonne. Es fahren einige Schiffe hin und her. Es gibt sogar Stellen mit Sandstrand.

Ich sehe mir die Schafe an, diese weisen Tiere, geduldig und anspruchslos, die die Landschaft bewölken. Schafe, die sich fast überall wohlfühlen und sich mit kleinen, kräftigen Bissen durchs Leben grasen. Stetig weitergehen, einfach die Wolle wachsen lassen, während das Fleisch einen salzigen Geschmack bekommt. Ist das hier auch so? Wie bei den atlantischen Lämmern? Oder bekommt das Fleisch hier einen Geschmack von Brackwasser und Regen?

Die Luft ist frisch, die grüne Landschaft beruhigend nach 3 Wochen Stadt. 77 Quadratkilometer sind die Vierlande.

Ich bekomme Lust, ins Wasser zu springen, Lisa hält mich zurück. Es ist 12 grad, wir haben keine Handtücher dabei und überhaupt.

Statt dessen lädt sie mich auf einen Kaffee ein, im Zollenspieker Fährhaus an der Elbe. Wir sehen das kleinste Restaurant der Welt, das Pegelhäuschen, in dem gerade mal ein Tisch passt für ein tête-à-tête überm Wasser.

Wir sitzen auf der Terrasse im Wind, das Wasser glitzert, die Luft ist unfassbar schön, dunkelgrau, weiß und blau und voller Bewegung. Da ist  die Sonne. Und die Wolken, und die Regentropfen, ich gewöhne mich nur langsam daran, dass das Wetter jede Minute anders aussieht.

Wenn es in Aachen zu regnen anfängt, regnet es stundenlang. Man kann  ruhig Gummistiefel und einen Regenmantel anziehen und losgehen, man wird nicht nach 5 Minuten wieder in seiner Endzeitstimmung gestört durch eine lachende Sonne, die plötzlich hinter den Wolken hervorspringt und ihre Strahlen herunterbeamt.

Wir kaufen im Gemüsestand bei Nelli ein, es gibt Blumen, Gemüse, Obst, alles frisch und farbenfroh. Wir sehen total alte und auch frisch renovierte Reetdachhäuser, gutaussehende junge Handwerker sind dabei, ein Haus neu mit Reet zu bedecken. Wahnsinn, dieses Handwerk wird hier noch immer betrieben. Wir fahren wieder nach Bergedorf.

Was es hier laut Ulf-Peter Busse von der Bergedorfer Zeitung auch gibt, ist eine Sternwarte aus 1912. Spiegelteleskop von Carl Zeiss, wie in Aachen. Unbedingt anschauen. Aber wo? “Am Friedhof”. Ja. Und nun? Ich werde das später in meiner Wohnung mal nachschlagen, hier im Schloss gibt es kein Internet.

Aber ich bin froh, dass das Bergedorfer Schloss ein Schlosscafé hat. Dustin kennt sich mit Kaffee aus, er liebt den Geruch und die Textur dieses Getränks. Ich darf dort sitzen bleiben, so lange wie ich will, so wie ein Künstler aus alten Zeiten. Und ich zitiere hier mal gerade Stefan Zweig über das Wiener Kaffeehaus:

„Es stellt eine Institution besonderer Art dar, die mit keiner ähnlichen der Welt zu vergleichen ist. Es ist eigentlich eine Art demokratischer, jedem für eine billige Schale Kaffee zugänglicher Klub, wo jeder Gast für diesen kleinen Obolus stundenlang sitzen, diskutieren, schreiben, Karten spielen, seine Post empfangen und vor allem eine unbegrenzte Zahl von Zeitungen und Zeitschriften konsumieren kann. Täglich saßen wir stundenlang, und nichts entging uns.“

Aha. Es ist also völlig natürlich, sich im Café aufzuhalten und sich inspirieren zu lassen. Vielleicht soll ich meine Post auch hierhin kommen lassen. Das überleg ich mir noch.

Aber das mit der billigen Schale Kaffee kann ich so nicht stehen lassen. Der Kaffee ist nicht billig, er ist gut, einfach nur lecker.



Zeitungskunst

hamburger gast 2019 Posted on Fri, August 16, 2019 22:53:39

“Kennen Sie den Lesekeks?”

Das fragt mich ein Mann, der im Schlosscafé in Bergedorf sitzt, und ich denke, ist das etwas Anrüchiges? Geht es hier um ein Codewort aus der Großstadt, von dem ich keine Ahnung habe? Was will er mir sagen?

Vor ihm auf dem Tisch liegt eine Zeitung. Oder eine Zeichnung, etwas Kunstvolles, mit Schrift und Bildern. Ich versuche, herauszufinden, was es ist, so etwas habe ich noch nie gesehen. “Das ist eine Weihnachtszeitung” sagt er abwartend, und trinkt von seinem Kaffee. Ich habe keine Antwort.

Er ist Zeitungskünstler, so stellt sich heraus, der sich gerne in Kaffeehäusern aufhält, und verwöhnt von der Inspiration der großen Wiener Kaffeehäuser sucht er ähnliche Inspirationen in Hamburg. So hat er sich nach Bergedorf verirrt.

Wenn man einfach im Café sitzt und die Menschen anschaut, findet man Inspiration, denn die Dinge werden erst schön, wenn sie durch den Menschen inspiriert sind. Da entsteht dann Kunst.

Nun wird es interessant. Die Zeitung soll Kunst sein? Eine Zeitung ist oft einfach nur steif, unhandlich und auf die Schnelle geschrieben, der Begriff Zeitungskünstler ist mir neu.

Michael erklärt, dass er letztes Jahr eine Weihnachtszeitung gestaltet hat. Und dieses Jahr soll es eine Geschenkpapier-Weihnachtszeitung geben. Weihnachtlich sinnliche Geschichten und schöne gestalte Motive gedruckt auf Zeitungspapier. Das kann man dann als Geschenkpapier nützen, es soll die Personen, die etwas schenken möchten, inspirieren.

Aha! Ich packe immer schon gerne Geschenke in Zeitungspapier ein, und nun spitze ich die Ohren. Denn wie unelegant, wenn man gerade die Todesanzeigen für das Geburtstagsgeschenk erwischt. Man muss schon verdammt lange lesen, bis man einen Teil der Zeitung findet, den man als liebevoll gemeintes Geschenkpapier gebrauchen kann. Nicht so bei der Geschenkpapierzeitung, von der kann man einfach alles gebrauchen!

Gibt es etwas beruhigenderes, als ein schönes Papier zu haben und genau zu wissen, zu wem es passt? Wem man damit eine Freude machen kann? Der Gedanke an die Person, für die das Geschenk ist, tut schon gut.

Die traditionellen Grenzen einer Zeitung überschreiten ist eine Idee, die mir gefällt. Eine schöne Zeitung zu machen, liebevoll gestaltet. Typographie, der Ausdruck für eine Schrift. Das schöne Kleid der Buchstaben. Eine Ehrung für das Wort!

Er zeigt mir ein Foto von einem Geschenk, das in so einem Bogen Zeitungspapier verpackt ist, das braucht er nicht einmal, ich weiß sofort, wie originell und kunstvoll das aussieht.

Die Frage ist doch, was man vermitteln will. Und ja, dem geschriebenen Wort darf die Ehre gegeben werden, am Anfang war das Wort, das weiß man noch. Auf dem richtigen Papier kann man es auch anfassen.

Als er hört, dass ich Stadtschreiberin bin, überlegen wir uns mögliche Schritte. Ich schreibe Texte, wir drucken sie in eine Zeitung „die Stadtschreiberin“. Wenn eine Idee gut ist, so soll sie gleich umgesetzt werden.

Ab Mitte September gibt es die erste Ausgabe in einer kleinen Auflage. Vielleicht einfach meine hamburger-gast-Blogeinträge, um den Leuten, die mein Stipendium mit soviel Wärme und Herzblut organisiert haben, etwas zurückzugeben.

Übrigens der Lesekeks. Die Idee ist gar nicht so schlecht, einen kleinen Happen Literatur beim Kaffee serviert zu bekommen. Aber, so finde ich als Belgierin, Lesekeks hört sich trocken und voller Krümel an. Wie Heidesand und Schweineöhrchen. Ich bin dabei, aber wir müssen den Namen anpassen.

Wir werden es in “quickie strike” umändern, was soviel heißt wie einfach mal die Arbeit niederlegen und unorganisiert streiken. Man nennt es auch “wild cat strike”, aber wir sind uns einig, das möchte man eher nicht zwischen die Zähne bekommen.

Quickie Strike also. Etwas Literatur zum Kaffee.

In dem Sinne. Wir bleiben dran!



die Sanduhr

hamburger gast 2019 Posted on Thu, August 15, 2019 12:42:31

Was kann ich tun, um eine Stadt kennenzulernen?

Ich suche die Orientierungspunkte, sehe mir ab und zu eine Karte an, so dass ich ungefähr weiß, wo was ist und wie viele davon. Einen Kompass dabei haben ist auch gut.

Ich kaufe die Zeitung Hinz&Kunzt, die mal eine andere Sichtweise hat, gut recherchierte Reportagen bringt und klare Einblicke über die Stadt bietet. Diesmal wird das Gängeviertel beschrieben, aha, das steht bei mir schon auf der Liste. Denn ich lese etwas, was mich sehr interessiert: “seit zehn Jahren bestimmen Gäste an Tür und Tresen weitgehend selbst, wie viel sie zahlen. Wir stehen hier auf einer der teuersten Flächen Europas, aber wir schließen die Leute, die keine Kohle haben, nicht aus”, sagt Stephan Fender. Ich freue mich, wollte ich doch die Gastfreundschaft untersuchen.

Sie vergeben Sterne für faire Hotels, wo man gute Arbeitsbedingungen vorfindet. Wo Hinz&Kunzt hingeht, so denke ich, sollte man auch mal gucken. Der Zeitungskünstler und ich betreten die Hotellobby des “Atlantik”, hier erwartet man Gastfreundschaft. Vielleicht find ich hier Geschichten für die Zeitung. Eine ruhige, gehobene und sehr gastfreundliche Atmosphäre ist hier. Es riecht hier gut.

Die Damen an der Rezeption haben ein entspanntes Lächeln auf dem Gesicht. Das ist einfach schön. Der Kellner, der uns bedient ist auch sehr nett, seine Augen lachen mit, das finde ich sehr anziehend. „Es riecht hier gut“ sage ich. Er ist verwirrt, antwortet etwas über Umbaumaßnahmen, und dass vielleicht der Duft aus der Konditorei hineinkommt, durch die Lüftung. „Wohl eher aus der Sauna“ überlege ich, denn es riecht nach ätherischen Ölen, ganz leicht. Er nickt nur kurz und geht schnell weiter.

Ich wundere mich, dass wir zum Tee, der ziemlich umständlich mit großer Sanduhr geliefert wird, keine Süßigkeiten bekommen, das wäre in Belgien oder auch in Aachen völlig undenkbar. Der aufmerksame Kellner hat aber gleich bemerkt, wie ich zucke, erkundigt sich, ob wir Kekse wollen, und bingt uns eine übertriebene Silberetagère mit Schweineöhrchen und Heidesand.

Touché.

Die Sanduhr ist großartig. So etwas hat man zu Kolumbus’ Zeiten gebraucht, um die Wache auf dem Schiff abzumessen. Vier Stunden, acht “Glasen”. Aber diese, die bei uns auf dem Tisch steht, ist für die richtige Ziehzeit des Tees, schon klar. Wieso ist die aber so groß? Ich werde völlig hektisch davon, wie der Sand durchschnellt, überleg doch mal, normalerweise dauert es eine halbe Stunde, meditativ, souverain und beruhigend fließt die Zeit dahin. Hier kann ich kaum das Ding anschauen, es jagt in 3 Minuten alles restlos durch. Nun ja, man muss sich das nicht anschauen. Der Tee wird nicht sauer, wenn er einige Sekunden länger ziehen muss. Und es ist ja gut gemeint.

In der Gegend, wo ich aufgewachsen bin, sagt man „die Gäste“ zu den Kindern. Das ist eine schöne Vorstellung, die Kinder sind die Gäste, sie sind zu Besuch, werden liebevoll betreut und irgendwann sind sie wieder weg.

Ich werde hier in Hamburg der Spur der Gastfreundschaft folgen. Dazu muss ich noch mehr Menschen mit Ideen kennenlernen. Als Gast darf man sich doch etwas wünschen. Ich würde gerne hinter die Kulissen schauen, sehen, was die Stadt bewegt. Ich bin auf der Suche nach interessanten, leckeren, originellen, freundlichen Projekten. Und nach den Menschen hinter solchen Projekten. Was treibt sie an? Wo holen sie die Kraft und die Energie her, die sie für die Umsetzung einer zündenden Idee brauchen? Wie viel Herzblut kostet es? Man kann jahrelang versuchen, etwas mit harter Arbeit am Laufen zu halten, aber wir alle wissen, wenn das Herz nicht dabei ist, funktioniert es nicht.

Man kann mich kontaktieren, um mir Ideen zu zeigen. In bin für ein Interview da, ich schreibe gerne einen Artikel über ein schönes Projekt.

Ich liebe gute Geschichten.

hey@diestadtschreiberin.de

k.gillis@hamburger-gast.de



60 Meilen von der Elbmündung entfernt

hamburger gast 2019 Posted on Wed, August 14, 2019 00:05:52

Letzte Nacht wollte ich nicht einschlafen, so schön war das Geräusch der Regentropfen auf dem Holunderbusch vor meinem Fenster. Ich kann stundenlang dem Regen zuhören, er beruhigt mich, er erzählt mir Geschichten. Heute hat auch mit Regen angefangen. Ich liebe diese Tage, keiner verlangt von dir, dass du fröhlich bist und dein Sommerkleid an hast, dass du leichtfüßig auf Sandalen durch die Straßen tanzt und “guten Morgen liebe Kinder” singst.

Jana hat mir ihr Fahrrad ausgeliehen. Fahrradfahren ist wie fliegen, die Stadt schrumpft unter den Rädern!

Alles liegt plötzlich viel näher zusammen, man bekommt einen besseren Überblick und fühlt sich leicht wie ein Vogel. Auch wenn man immer wieder hört, wie gefährlich es doch ist, durch die Stadt zu fahren, fühle ich mich hier total sicher, das Radfahren ist hier voll entspannt, wenn es haarig wird, kann man immer ohne Schwierigkeiten ausweichen, die nächste Radspur rettet dich.

Man kann einfach wie ein vollwertiger Verkehrsteilnehmer die Straßen benutzen. Einen ganzen Streifen hast du für dich, und zwar einen Streifen, der dich nicht auf einem 7%-Hang zwischen Bus- und Autospur führt, wie in Aachen.

In Bergedorf ist das Schloss im Regen sehr schön, fast verwunschen. Die Leute, die reinkommen, sehen plötzlich wie echte Wanderer aus, komplett in Funktionskleidung gehüllt, Wanderstiefel und mit regenfestem Gepäck unterm Arm. “Gibt es hier ein Alkohol-Verbot?” fragen sie direkt und sehen spähend um sich, sie wollen natürlich wie echte Wanderer Hefeweizen trinken, und das Café hat nur Kaffee. Ich erkläre, dass sie im Park schon Alkohol bekommen können. Dort ist er zwar auch verboten, aber wenn man ihn in Limonadenflaschen abfüllt, geht er durch. Sie können ja mal nachfragen.

Ich sitze eine Weile im Café, trinke einen Flat White (statt Cappuccino, man muss wissen, was man heutzutage bestellt) und entscheide mich, dass ich nicht den ganzen Tag einfach wie Rapunzel vor mich hinträumen kann, flat und white.

Dafür bin ich ja nicht hier, mein Haar ist nicht einmal lang genug. Es gibt übrigens so viele Friseure in Bergedorf, dass ich mich echt frage, ob es überhaupt noch Haare gibt hier.

Solche Überlegungen bringen mich auch nicht weiter.

Hey Hamburg, denke ich, ich brauche dich! Du bist Hamburg! Ich bin nur der Gast. Ich nehme mir vor, die Gastfreundschaft dieser Stadt mal zu erforschen. Wo fange ich an? Fühle ich mich willkommen in Bergedorf? Nun ja. Sicher. Es gibt einen sehr netten Polizisten. Und bald gibt mir Lisa eine private Führung durch die Vierlanden. Davon werde ich berichten. Aber heute reicht es mir nicht. Ich kann nicht den ganzen Tag Kaffee trinken und über haarige Themen grübeln.

Es gibt nur eine Möglichkeit, ich muss mich mal wieder bewegen.

Ich habe gehört, es gibt ein Hammercafé. Richtig, in Hammerbrook. Die Rösterei Maya ist schnell gefunden, die Terrasse ist voll, es steht eine Schlange bis draußen, alle wollen Kaffee trinken. Aha, denke ich, also doch. Es ist eine Rösterei, sie verkaufen handwerklich veredelten Premium-Kaffee, biologisch, fair gehandelt, von Kleinbauern, in selbstverwalteten Kooperativen. Aha. Toll.

Aber ehrlich, er schmeckt auch so.

Und da sind sie, die biologisch abbaubaren Kaffeekapseln. Genial. Ich nehme mir vor, hier noch mal einen Termin zu machen, ich will mit den Leuten reden, die so eine Rösterei betreiben. Wie schafft man es, sogar Kaffee-to-go-Becher anzubieten, die nicht nur biologisch abbaubar sind, sondern auch noch von der Chefin selbst entworfen wurden? Anhand der eigenen Zeichnungen?

Das ist Gastfreundlichkeit für Fortgeschrittene.

Mir kommt die Idee, dass ich das möchte. Etwas zum Anfassen. Worte, die gedruckt sind. Da ich das Talent meiner Urahnen noch nicht weiterentwickelt habe und keine wirklich gute Malerin bin, entscheide ich, dem geschriebenen Wort wieder seinen Wert zu geben, den es verdient. Michael findet, dass ich diesen Blog als Zeitung herausbringen soll. Er weiß, was zu tun ist.

Diese Idee fällt bei mir auf fruchtbaren Boden. Es folgen einige Fachgespräche, das Projekt nimmt Form an.

Und so kommt es, dass etwa 60 Meilen von der Elbmündung entfernt, auf dem Nordufer der Elbe, am Zusammenfluss des kleinen Flusses Alster mit der Elbe, die Zeitung „die Stadtschreiberin“ entsteht. Sie wird Mitte September fertig sein.

Hamburg und die Gastfreundschaft. Das soll der Leitfaden für diese Zeitung werden, damit kann ich etwas anfangen. Das werde ich jetzt mal untersuchen.

Fühlt man sich willkommen, wenn man im weltweiten Spinnennetz Gastro-Tipps abrufen kann? Restaurants und Cafés scannen?

Sollte man sich nicht die Mühe machen, es mal alles aufzuschreiben? In einer echten Zeitung? Ja, denke ich mir, das werde ich tun. Ein Gästebuch ist doch immer noch mehr wert als ein Internet-Kommentar. Man spürt es besser, wenn es geschrieben ist. Und ja, so denke ich, darauf kommt es an.

Sich als Gast willkommen fühlen.



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