Blog Image

Hamburger Gast

Tschüss – Lesung

termine Posted on Fr, Oktober 28, 2016 13:13:08

Ohh, schon wieder um?

Nicht vergessen: Morgen, 29.10., ab 18.00 im Spiegelsaal des Museums für Kunst & Gewerbe – letzte Gelegenheit!



Draußen oder Drinnen

hamburger gast 2016 Posted on Fr, Oktober 28, 2016 13:11:13

Wie ich als Stadtschreiberin denn Hamburg fände und die
Hamburger, so von außen betrachtet, wurde ich oft gefragt.

Einmal habe ich auf diese Frage hin gesagt, Hamburg gefalle
mir. Es muss in dem Moment die falsche Antwort gewesen sein, denn mein
Gegenüber entgegnete, er würde aber alles eher kritisch sehen. Alles? Die
Unterhaltung war an dieser Stelle beendet, leider, denn ich hätte gern
erfahren, warum er solche Pauschalkritik übte. Was kann man schon über eine
Stadt sagen? ‚So von außen‘. Reiseführerromantik? Kritische Auseinandersetzung
mit dem Sichtbaren von Stadtarchitektur oder Sozialgefüge? „Städte mit Wasser
sind schöner“, soll Gottfried Benn einmal über Hamburg gesagt haben, ein
lapidarer Satz für einen wortmächtigen Dichter, vielleicht aus einer ähnlichen
Verlegenheit heraus.

Aber Hamburg hat ja noch einen Stadtschreiber, oder besser
gesagt, einen Stadtdichter, der das Stadtgeschehen von innen heraus kritisch
begleitet. Ein paarmal bin ich ihm begegnet, freitags auf dem Isemarkt, wo er
mit seinem Lyrik-to-go Fahrrad steht, mit den Menschen plaudert und selbst
Geschichten erzählt. Der Titel seines Buches stimmt, er ist „Dichter an
Hamburg“.



Gast-Gast-Text

allgemein & aktuell Posted on Fr, Oktober 28, 2016 13:08:40

So viele schöne Texte VOM Hamburger Gast – und so viele schöne Texte ÜBER den Hamburger Gast.
FRANK KEIL vom Hinz und Kunzt hat sich mit Doris Konradi getroffen – und einen wunderbaren Artikel über sie geschrieben. Hier isser:

Unterwegs
in der fremden Stadt der Eltern

Drei
Monate ist die Kölner Schriftstellerin Doris Konradi in der Stadt.
Fährt viel Bus, schaut sich um, schreibt auf, was ihr auf- und
einfällt. Eine Begegnung mit Hamburgs diesjähriger
Stadtschreiberin.

Die
Stühle stehen hoch, die Bar hat noch nicht geöffnet. Der
Kaffeeautomat mit Mahlwerk und Schäumer ist noch nicht
eingeschaltet, die Eistruhe mit dem Eiskonfekt dafür abgeschlossen.
Kein Gast weit und breit, aber in ein paar Stunden werden sich hier
die Besucher tummeln, alle ein bisschen hübscher angezogen als
normal, wie man das so macht, wenn man ins Theater geht.

In
der Bar im ersten Stock des Ohnsorg Theaters gegenüber dem
Hauptbahnhof ist einer der Arbeitsplätze von Doris Konradi,
Stadtschreiberin von Hamburg für drei Monate: ein schlichter,
viereckiger Bistrotisch, dazu ein Stuhl.

Manchmal
wechselt sie den Tisch, wechselt die Blickrichtung. Schaut dann auf
den verwaiste Tresen oder durch die Fenster in die
Ernst-Merck-Straße.

Das
Ohnsorg Theater und damit St. Georg ist ihre zweite Station. Im
Oktober wird sie auf die andere Elbseite nach Harburg wechseln; im
August war sie in Bergedorf, saß und arbeitete im dortigen Schloss,
das ein Museum ist und manche Museumsbesucher hielten ihr ihre
Eintrittskarte zum Abreißen hin. Ach so, eine Stadtschreiberin sei
sie … wie interessant!

Ist
es interessant? Ja, schon. „Aber eigentlich ist es auch ganz
normal und nicht weiter aufregend“, sagt sie. „Ich sitze
hier und schreibe.“ Wobei sie keinesfalls zu irgendetwas
verpflichtet ist. Sie muss für die 1.500 Euro pro Monat plus eine
kleine Wohnung im Vorwerkstift im Karolinenviertel als Unterschlupf,
keine Hamburg-Geschichte abliefern, nicht den Entwurf für einen
Hamburgroman. Aber einen Blog führt sie, garniert mit kurzen
Eindrücken: Straßenszenen, Beobachtungen im Cafe, Überlegungen,
wie lange in unseren Träumen wohl noch Telefone mit Wählscheiben
vorkommen werden, wenn unser Unterbewusstsein telefoniert; ihr fällt
das Geräusch der Rollen der Rollschuhe ein, damals 1973, als den
Kindern während der autofreien Sonntage während der Ölkrise die
Straßen gehörten, nachdem sie erfahren hat, dass bei Bergedorf
Erdöl gefördert wird. Oder es finden sich Fotos: von der leeren Bar
des Ohnsorg Theaters.

In
ein paar Tagen will sie sich unten im Saal eine Vorstellung
anschauen, die plattdeutsche Musicalversion des Fatih-Akin-Films
„Soul Kitchen“. „Mal sehen, ob ich überhaupt etwas
verstehe.“Sie kennt das Ohnsorg Theater aus dem Fernsehen, als
sie Kind war, ihre Eltern haben es gern geguckt. Die kommen aus
Hamburg, ihr Vater aus Wilhelmsburg und ihre Mutter aus Harburg. Sie
selbst wird 1961 in Köln geboren, nachdem die Eltern dort hinzogen.

Lange
hat sich Doris Konradi nicht ans Schreiben getraut. „Dabei
wollte ich schon als Kind schreiben, dann als Jugendliche“, sagt
sie. Doch in ihrer Familie gibt es jede Menge solider Berufe,
Juristen, Kaufleute; ihr Vater arbeitet anfangs am Jungfernstieg im
Alsterhaus. Kaufleute jedenfalls, das sind solide Leute, die es zu
was bringen, die einen guten Beruf haben. Da weiß man nicht nur
hinterher, was man hat. Und so studiert sie nach der Schule
Volkswirtschaft – und nicht Germanistik, was sie viel lieber getan
hätte. Doch ihre Lust an den Buchstaben, an den Worten, an den
Sätzen lässt sich auf Dauer nicht niederhalten. Und sie geht nicht
in die Wirtschaft, sondern in die Kultur, managt etwa ein kleines
Kölner Theater. Und dann fängt sie an zu schreiben – als die
Kinder klein sind: „Meine Kinder waren sehr pflegeleicht“,
lacht sie. Die Größere ging in den Kindergarten, die Kleinere
verschlief den Vormittag. „So hatte ich jeden Vormittag drei,
vier Stunden Leerzeit.“

Die
sie nutzt. Sie schreibt eine Erzählung und reicht sie 2003 beim
Bettina-von-Arnim-Preis ein, mit dem damals die Frauenzeitschrift
Brigitte besonders unter ihren Leserinnen nach unentdeckten Talenten
forscht: Sie erzählt von einer obdachlosen Frau, die immer mit ihrem
Rucksdack und ihrem Schlafsack unter dem Arm in den Alltag einer
bügerlich-idyllischen Familie einbricht, alle verwirrt wie becirct,
bis sie eines Morgens wieder spurlos verschwindet. Vielleicht nun für
immer.

Damit
gewinnt sie auf Anhieb den dritten Preis, Verpflichtung
weiterzuschreiben. Und: „Damals hat mich die Literatur das erste
Mal nach Hamburg geholt.“ Ein erster Roman erscheint, ein
zweiter – beide kreisen um Menschen, die normal ihr Leben leben
wollen, doch in ihren Familien gibt es je ein Geheimnis, dass
aufgeklärt werden will. „Ich habe irgendwann entdeckt, dass
alle meine Geschichten mit einer Rückblende beginnen; dass immer
etwas aus der Vergangenheit Einfluß auf das Heute hat“, sagt
sie. Also wollte sie in dem Roman, an dem sie ganz frisch schreibt,
mal von einer Frau ohne Vergangenheit erzählen; von einer, die bei
Null anfängt. „Aber ich merke schon jetzt, dass da irgendwas in
der Vergangenheit lauert. Es ist ja immer das, worüber man nicht
schreiben will, das Thema wird. Und dieser Spur folgt man dann und
sei es unbewusst.“

Ach,
was soll sie sagen, wie Hamburg ist! Toll natürlich. Aufregend.
Wobei ihr auch die Gegensätze, die Brüche nicht entgangen seien,
gerade hier in St. Georg: „Auf der einen Seite sieht man das
Elend, die Menschen, die nicht nur direkt vor dem Bahnhof auf dem
Boden liegen und dann gibt es gleichzeitig Geschäfte, die Sachen
verkaufen, wo man sich fragt: Wer soll denn das bezahlen?“

Armut
gebe es natürlich auch in Köln, habe in den letzten Jahren sichtbar
zugenommen. Aber in Hamburg sei eben alles eine Nummer größer: „In
Köln gibt es die alte römische Stadtmauer, die beiden Straßenringe
und in der Mitte der Dom und daneben der Rhein.“ Da könne man
sich kaum verlaufen. Wie anders hier! Zum Glück gehört zu ihrer
Stipendiumsausstattung auch ein HVV-Ticket: „Manchmal nehme ich
irgendeinen Bus, fahre irgendwo hin, schaue mich um und wenn ich
nicht mehr weiter weiß, dann nehme ich irgendeinen Bus zurück und
fahre wieder ins Zentrum.“ Wirklich: Dieses Ticket sei ein
großes Geschenk.

Das
sie jüngst nutzte, um rüber nach Wilhelmsburg zu fahren, in dem vor
ihrem Vater eben dessen Vater mit drei Brüdern lebte, ausgewandert
aus Polen, als der älteste Bruder den Hof bekam und es für die
Geschwister keine Perspektive mehr gab, aber im Deutschen Reich und
in Wilhelmsburgs Hafengebiet Lohn und Brot: „Irgendwann haben
mein Großvater und seine drei Brüder dann beschlossen ihren
Familiennamen von Konszczinsky in Konradi zu ändern, weil man ihn
besser buchstabieren könnte.“ Auch eine Akt von Integration.

Und
dann war da immer die Geschichte ihres Vaters, wie er als Kind
während der Bombenangriffe auf Hamburg in den Wilhemsburger Bunker
in der Neuhöfer Straße flüchtete. Und dort einmal einschlief, erst
aufwachte, als alle längst wieder gegangen waren. Und so war er
allein, es war stockdunkel, und er musste sich Schritt für Schritt
durch die Gänge und die Treppenhäuser nach draußen ins Freie und
Helle tasten. Und nun stand sie als seine Tochter mehr als 70 Jahre
später auf dem Dach des Bunkers, wo heute ein Cafe ist, drumherum
eine Aussichtsplattform, von der aus man einen prächtigen Blick auf
die friedliche Welt hat. „Die Erzählung meines Vaters im Kopf,
dann vor Ort sehen, was aus dem Bunker heute geworden ist, dass war
schon ein ganz besonderer Moment“, sagt sie.

Auch
von ihrer Mutter kennt sie verwandte Geschichten: Wie wiederum ihre
Mutter ihr einschärfte, sie solle bei Luftalarm immer nach Hause
kommen und keinesfalls in der Schule bleiben. Und so rennt sie
jedesmal, wenn die Sirenen heulen, nach Hause und bleibt nicht in der
Schule wie all die anderen. „Und dann fällt tatsächlich eine
Bombe auf die Schule und alle Klassenkameraden meiner Mutter sind
tot“, sagt sie. „Meine Mutter hat das nun nicht als lustige
Anekdote erzählt, aber immer wenn sie davon sprach, dann war da eine
ganz eigene Distanz, als müsse sie sich vor dem, was damals passiert
ist, noch nachträglich schützen.“

Nun
in Wilhelmsburg hat sie ihr Handy genommen und ihre Mutter angerufen
und dann ist sie mit Mutter Stimme im und am Ohr durch das Viertel
gelaufen und hat sich den Weg zeigen lassen: „Das Haus in der
Fährstraße, in dem meine Eltern nach ihrer Heirat wohnten, steht
noch. Und in der Weimarer Straße gibt es noch die Kneipe, wo mein
Vater manchmal ausgeholfen hat.“ Am Ende hat sie ihre Mutter
eingeladen, sie in Hamburg zu besuchen, mit ihr in echt durch
Wilhelmsburg zu streifen und sich noch einmal die Orte anzuschauen,
wo sie mit ihrem Mann lebte und wohnte und damals eine Familie
gründete.

Aber
ihre Mutter möchte nicht. Sie kenne dort ja niemanden mehr, keine
der nahen Verwandten würden dort mehr leben. Doris Konradi sagt:
„Wahrscheinlich möchte sie einfach die Bilder ihrer Erinnerung
behalten.“

Nun
kommt die jüngere Tochter zu Besuch. Und was will sie sehen?
Wilhelmsburg. Will ihrerseits den Ort begehen, von denen die
Großeltern so oft erzählt haben. Und die Spurensuche der nächsten
Generation setzt sich fort, so wie es sein soll.