Mitten in Hamburg

Geographisch mitten drin ist nicht die Elphi, nicht der Jungfernstieg. Nicht einmal der Mariendom ist die Mitte Hamburgs. Wenn man mitten in Hamburg steht, steht man auf der Uhlenhorst. Neben der St. Gertrudkirche, unter der Luthereiche. Das ist der geographische Mittelpunkt. Bon Papa wusste das. Er wusste immer, auf welchen Koordinaten er sich befand. Er hatte einen inneren Kompass, kannte die Windrichtungen und fühlte die Wetteränderungen. Jedes Mal, wenn er in der Stadt war, ging er zu ihrer Mitte und schaute über die Außenalster.

Er kannte nicht einmal den Mariendom.

Er sah übers Wasser zur schönen Stadt. Am liebsten im Winter, denn dann hatte man einen klaren Blick auf die Strukturen.

Er liebte das kühlere Wetter, er liebte seinen Dufflecoat. Auf diesen Mantel war er stolz, wurde er doch in Duffel, in der Nähe von Antwerpen, entworfen und gefertigt. Schon im 15. Jahrhundert stellte man dort einen festen Lakenstoff aus englischer Wolle her, exportierte ihn in ganz Europa.

Mit der Ankunft einer Textilfabrik mit Dampfmaschine fing in Duffel die industrielle Revolution an.

Bon Papa hatte seinen Mantel nicht in Antwerpen gekauft. Er kaufte bei Ladage & Oelke ein. Er hatte nicht viele Anzüge, nur wenige Hemde. Einige Westen. Die meisten seiner Kleider waren speziell für ihn geschnitten. Er sah immer gleich aus.

Julius Franck war ein Freund von ihm. Er besuchte ihn zweimal im Jahr.

Es ist Winter. Ein frostiger Tag, die Wintersonne steht tief in einer kristallklaren Luft. Er geht am dunklen Wasser entlang. Er bleibt kurz stehen, er blickt auf die Stadt in der Ferne. Er sieht die klaren Linien, es sieht, dass alles in Ordnung ist. Es ist windstill. Es ist Januar. Das Licht sorgt dafür, dass die Stadt sich scharf wie noch nie in der Ferne zeigt. Er hat nächste Woche Geburtstag. Er weiß, es wird sein letzter sein. Er weiß, diese Stadt sieht er so nie wieder. Er lächelt müde und geht nach Hause.

Es ist Sommer. Ich bin auf der Uhlenhorst. Es blüht und zwitschert und raschelt um mich herum, hier sind viele Leute unterwegs. Man radelt, spaziert, lacht und redet mit den Hunden.

Ich stehe unter einer Buche und blicke auf die Stadt in der Ferne.

Ich weiß, warum Bon Papa den Winter mochte. Ich sehe das wüste Geblätter um mich herum, die Bäume tuscheln übermütig laut, sie lassen schwer ihre dunkelgrünen Kleider rauschen. Es lenkt mich ab, so erkennt man nicht, was wichtig ist. Ich fühle mich mitten in einem barocken Gemälde. Überall sind Blumen. Gevögele. Putten. Ich würde mich über üppige nackte Frauen mit dickem, wehendem Haar und prächtigen Hintern nicht einmal wundern.

Die Stadt in der Ferne sehe ich durch einen Dunst. Vage und nicht an einem festen Platz, als würde sie unter der heißen Augustsonne vibrieren. Sie wird zum Glück vom Wasser gekühlt und von vielen Baukränen unterstützt, sie halten sie sicher in ihren Fugen.

Eine Gruppe von Männern fährt in einer Barkasse vorbei. Sie tragen Badelatschen und bunte Shorts, T-Shirts, zu groß oder zu klein. Sie lachen und trinken Bier. Sie haben noch nie eine Zigarre geraucht.

Was würde Julius Franck dazu sagen?