Hier stehe ich in der fremden Stadt. Alleine. Ich versuche, die Spuren der langen Reise wegzuwischen. Die Wohnung ist fremd, ich stelle meine Sachen hin, schließe die Tür ab. Tränen springen mir in die Augen, ich bin alleine. Ich lege mich aufs Bett, will mich ausruhen, springe wieder auf. Esse die zermatschten Blaubeeren, die ich mir für die Reise eingepackt hatte. Im Schrank sind Teebeutel, ich koche mir einen Tee. Habe Hunger. Setze mich an den Schreibtisch.

Ich sitze vor einem Blatt weißes Papier und will eine Geschichte schreiben. Über eine Frau, die eine Stadt erobert. Ich will über den Hafen schreiben. Aber was denn. Was kann ich berichten, ich kenne ihn nicht einmal. Bis jetzt habe ich nur Gleise und Straßen gesehen. Gibt es überhaupt Schiffe, gibt es einen Hafen hier? Wo liegt er eigentlich?

Ich bekomme jetzt einen tierischen Hunger. Am Besten, ich gehe hier erstmal gleich um die Ecke. Dort gibt es anscheinend unglaublich hippe Lokale. Dort kann ich mich hinsetzen, etwas bestellen, vielleicht etwas Indisches, Koreanisches oder ein Gericht aus Pakistan und dabei aufschreiben, was ich um mich sehe, wie es mir schmeckt und wo man hingeht für den Espresso danach.

Ich ziehe mich warm an, es kann ja spät werden. Ich stapfe los.

Nach einer halben Stunde gebe ich fast auf. Ich habe das Gefühl, mich auf einer Hülle, die sich um die Stadt gelegt hat, zu bewegen. Ich vermute die Stadt, ich spüre sie irgendwo, aber ich kann nicht zu ihr durchdringen. Als hätte die Stadt verschiedene Schichten und ich kann mich nur auf der äußeren hin und her bewegen.

Ich finde kein einziges Lokal, das mich anspricht, es gibt eigentlich überhaupt keine Lokale hier. Ich gehe durch alle möglichen Gassen und komme nicht weiter. Ich sehe fröhliche, satte Menschen, sie kommen von der Kirmes, sie haben gut gegessen, sie reden laut und lachen laut, sie haben Ballons am Kinderwagen und Stofftiere unterm Arm. Die Menschen tun nur so, als ob alles in Ordnung ist. Die Kinder wissen, dass es nicht so ist, sie quengeln und wollen nicht weiter. Mir ist zu warm.

Ich habe Hunger und finde den Einstieg nicht. Soll ich wen fragen? Aber wonach frage ich denn? Zur Kirmes will ich nicht. Soll ich ein Kind fragen, wo es schön ist? Das wird garantiert falsch verstanden.

Als ich in der Wohnung im Internet geguckt hatte, gab es Unmengen von Restaurants, wo sind die alle hin? Können die einfach so verschwinden, sich in Luft auflösen? Wo sind all die Fotos denn gemacht worden? Ist das hier die Wirklichkeit? Versucht das Internet mich zu täuschen? Handelt es sich hier um eine Verschwörung? Vielleicht muss ich nur eine bestimmte Tür finden, die aufstoßen und in eine andere Welt hineinschlüpfen, wo man tolle instagram-Fotos macht. Vielleicht bin ich in einer Kulisse, muss ich nur dahinter gucken. Aber wie geht das?

Ich verlaufe mich und verstehe die Karten auf dem Mobiltelefon nicht. Weiß nicht, in welche Richtung ich muss. Vieles kommt mir inzwischen bekannt vor, aber ich sehe den Zusammenhang nicht. Es ist sehr warm und schwül in den vollen Gassen, ich verfluche meine Regenjacke. Will am Liebsten alles ausziehen. Immer wieder versuche ich eine andere Richtung, und immer wieder steht ein sehr großes und verschlossenes Gebäude im Weg. Es ist der alte Schlachthof. Er macht mich wütend. Bei der nächsten Sackgasse tut sich eine andere Möglichkeit auf:

Ich träume! Dies ist gar nicht die Wirklichkeit.

In Wirklichkeit liegen wir zusammen im Bett, viel zu nah zusammen, weil das Bett eine Kuhle in der Mitte hat. Du machst Atemgeräusche, es ist zu warm im Zimmer und ich habe gerade einen Traum. Ich träume, dass ich durch eine fremde Stadt laufe und den Weg nicht finde. Ich irre durch die Straßen und komme nichte weiter. Die Menschen haben keine Gesichter und ich bin auch unsichtbar. Ich muss nur versuchen, aufzuwachen. Aber ich habe Hunger. Geht das im Traum?

Letztendlich gebe ich auf. Ich frage einen vietnamesisch aussehenden Jungen, der vor einem Gebäude auf der Straße steht, was sie für eine Küche haben, er sagt “Vietnamesisch”. Ich knicke mürbe, gehe hinein, setze mich an einen kleinen Tisch und versuche mich zu konzentrieren. Wenigstens hat er mich wahrgenommen, das heißt, ich bin hier echt. Die Musik ist laut. Eine junge Frau erklärt, wie man bestellt, man kreuzt selber auf eine Liste die Gerichte an, die man gerne hätte. Ich kreuze etwas an. Sie sieht mich fragend an. “Ist das alles?” fragt sie zögernd.

Sie zeigt mir höflich die Größe der Schüsseln und ich kreuze noch 2 weitere Gerichte an.

Eine Stunde später sitze ich in der Wohnung am Schreibtisch, nackt. Ich will aufschreiben, was passiert ist, wie es beim Vietnamesen gemacht wird. Aber die leere Seiten starren mich anschuldigend an. “Du hast keine Ahnung” scheinen sie zu sagen. Ich suche den Stadtplan. Wieso kam ich nicht voran? Wieso wurde ich willenlos zwischen Kirmes und Schlachthof hin und her gespült? Wieso hat mich die Werbung “Naturdarm und Gewürze”, die über die Länge eines ganzes Hauses geschrieben war, so fertiggemacht?

Es ist 19:00, noch viel zu früh um ans Bett zu denken, ich entscheide mich, noch mal zum Wasser zu gehen. Jetzt aber gut vorbereitet, nicht mehr hungrig und mit einem Plan. Ich zieh mir ein Sportshirt an, ich ziehe meine Laufschuhe an. Jetzt wird es ernst. Ich muss vor allem vom Schlachthof und von der Kirmes wegkommen.

Es fängt mit einem Park an. Das geht. Die Kirmes ist nur zu hören und zwischen den Bäumen hindurch kann ich sehen, wie die Leute in die Höhe katapultiert werden. Mir wird schlecht, aber ich gehe tapfer weiter.

Die zähe Schicht um die Stadt fängt an, ein wenig weicher zu werden, wenn ich bei den Landungsbrücken stehe. Und dann ist es, also ob sich ein Knoten löst. Als würde ich schon sehr lange über ein Puzzle gebeugt sitzen und endlich die Stücke richtig legen können. Dort am Wasser sehe ich, wo ich bin. Ich sehe die Landungsbrücken, und dort ist die Elbphilharmonie. Ich fasse Mut, gehe weiter. Die Speicherstadt, mein Gott, hier ganz in der Nähe. Die Katharinakirche, Michaeliskirche, die Nikolaikirche. Der Fleet bei den Mühren. Alles hängt zusammen, es liegt echt alles in der gleichen Stadt. Ich werde immer mutiger, grüße Ansgar und Barbarossa. Kreuze Brücken und mache mir mentale Notizen. Das Abendlicht ist schön. In der Speicherstadt sehe ich mir staunend die architektonischen Zeichnungen an. Was für eine Leistung.

Übermutig entscheide ich, den Weg an die Alster anzutreten. Und ja, wie von alleine komme ich zum Rathaus. Ich bin an der Alster, kann hierhin und dorthin, kann die Teile miteinander verbinden.

Die Elektroroller sind alle leer. No scooters in your area. Was soll’s.

Leicht und lächelnd gehe ich zurück Richtung Karoviertel. Mache einen eigensinnigen Schlenker durch die Komponistenstraße. Die Nacht fällt schon, dunkle Gestalten schleichen durch Planten un Blomen. Es sind Kinderwagen mit Luftballons, nachts sieht alles anders aus. In der Nähe meiner Wohnung sehe ich plötzlich die ganzen Lokale, die schönen Ecken, die fröhlichen Leute. Den Schlachthof sehe ich nicht mehr.

Ich finde fast von alleine den Weg zurück und könnte vor Freude tanzen. In Gedanken rufe ich noch mal die Türme auf, die sich heute in mich verankert habe. Die Landschaftsmerkmale. Wasser. Brücken. Kirchen. Ich bin durch die zähe Schicht gebrochen. Ich bin in der Stadt angekommen. Ich habe meine Orientierungsfäden durch die Straßen und über die Plätze gezogen, sie glitzern im Sternenlicht.

Im Himmel steht ein ganz feiner Sichelmond.

Einige Puzzlestücke fehlen noch, aber ich brauche nicht mehr zu verzweifeln. Es gibt eine Stelle im Gehirn, wo diese Stadt jetzt eingraviert ist, zwar noch als unfertige Skizze, aber sie ist da. Oder im Herzen?

Vielleicht eher noch im Herzen.

Den Espresso danach gibt es im Café nebenan. Davor oder danach, die schöne Wirtin fragt nicht. Dafür frage ich sie auch nicht, ob sie gerade erst den Laden eröffnet hat, jetzt, heute Abend, vor ein paar Stunden. Ich sage nichts. Jetzt bekomme ich sogar das entfernte Gefühl, es ist eine Ahnung erst, ganz vage, aber es ist da, dass ich zuhause bin.