Herr Blank dreht sich noch mal um.
Es ist früh, und auch wenn er meistens mit der Lerche aufsteht, genießt er jetzt gerade noch das Aufwachen. Die Sonne ist schon aufgegangen, er sieht das Licht, wunderbar gefiltert zwischen den Blättern der großen Buche. Sie sind sattgrün, bewegen sich sanft in der Morgenbrise. In der Luft hängen einige leichten Wölkchen, es verspricht wieder ein wunderschöner Augusttag zu werden.

Es hat letztes Wochenende ein Gewitter über Bergedorf gegeben. Am Samstag gab es um halb acht abends strömenden Regen, das Weinfest war in vollem Gange. Herr Blank lächelt, wenn er daran denkt, wie er dennoch eine Bratwurst gegessen hat, unter einem Vordach, wie er den Regen angeschaut und das Fest genossen hat. Es war dringend nötig, dass es mal geregnet hat, der Boden war viel zu trocken.

Er ist 54 und getrennt, hat einen Sohn.

“Mein Bruder wohnt in Bergedorf, wir besuchen ihn”, sagt der junge Mann. Er spaziert mit Freundin und Bruder durchs Schloss. Ich nicke und bedanke mich, habe ich doch gefragt, was sie hier machen. Ob sie Herrn Blank kennen? Nein, kennen sie nicht. “Er wohnt hier im Park”, sage ich. Schulterzucken, ein höfliches Lächeln. Sie gehen weiter.

“Die Fenster sind hier ganz zugewachsen”, sagt die Frau mit leichtem osteuropäischen Akzent. “Sowas ist nicht gut, man sollte den Wein schneiden”. Sie hat Recht, die Fenster auf dem Innenplatz am Nordostflügel des Schlosses sind ganz von wildem Wein bedeckt.
Ihre Hände kribbeln, sie will die Pflanzen abschneiden, die Fenster befreien, sie waschen, mit viel Wasser und Ammoniak. Die Rahmen mit einer Bürste scheuern, dann mit einem Leder die Scheiben glänzend rubbeln. Sie will auch innen die Fußböden bohnern, mit dem festen honiggelben Wachs. Sie beherrscht sich.

Letzte Woche hat sie sich nicht beherrschen können. Letzte Woche hat sie einen Ausflug in den Botanischen Garten gemacht. Sie hat an einer Führung teilgenommen. Die junge Studentin mit der großen Brille hat erklärt, welche Biotope gerade dargestellt wurden. Es ging alles gut, sie hat ruhig das Moor bewundert und die Heidelandschaft. Sie hat an dem Feuchtbiotop geschnuppert. Aber als die Studentin die Gruppe dann in den traditionellen Bauerngarten eingeführt hat, ist sie durchgedreht. Die Blumen, das ging ja alles noch. Wunderbare Stauden, sie hatte ein leichtes Bedauern, dass sie keine Schaufel dabeihatte.

Aber das Gemüse! Die Salatköpfe, die schon schießen, der Spargel, der in großen, weiten, hellgrünen Farnwedeln ausgewachsen dort steht, der Sellerie, der ein Meter hoch ist und blüht. Nichts wird hier geerntet!
“Es ist hier strengstens verboten, die Blumen und Pflanzen zu pflücken”, hat die Studentin am Anfang der Führung gesagt und dabei ernst um sich geguckt. Die Frau hat auf den Boden geschaut.
Im Bauerngarten hat sie sich zurückfallen lassen, die anderen Teilnehmer schlenderten alle an ihr vorbei. Sie schaute den Brokkoli an, hoch und ausgewachsen. Sie sah den Blumenkohl, fast jeder einzelne schon längst über den Erntezeitpunkt drüber. Sie nahm schnell ihr Opinell-Taschenmesser, das große, schnappte es auf und schnitt blitzschnell zwei kleine Blumenkohle ab. In einer geschickten Bewegung landeten sie in ihrer Tasche.
Sie schaute flugs um sich, versteckte sich hinter einer Hecke und wartete einige Minuten. Sie musste sich kurz von dem Raub erholen, ihr Herz raste. Sie überlegte, rechtsumkehrt zu machen, denn sie hatte ihr Gemüse jetzt. Aber da sie in einer Liste eingetragen war, entschied sie sich dagegen, holte tief Luft und reihte sich wieder unauffällig bei der Gruppe ein, gerade als sie das Tropengewächshaus betreten wollten. Den Felsgarten hat sie verpasst, aber was soll’s.

Heute im Bergedorfer Schloss läßt sie den Wein in Ruhe, obwohl das Messer in ihrer Tasche zittert.

Ich notiere mir die Geschichten um mich herum und freue mich, dass ich im Bergedorfer Schloss meinen ersten Schreibtag habe. Oben im Museum habe ich den Tag angefangen, aber die Museumsluft macht mich schläfrig. Ich hatte mich nur kurz auf das Sofa gesetzt und bin sofort eingeschlafen. Deswegen bin ich jetzt auf der Terrasse.

Klaus-Dieter Blank habe ich heute morgen im Park getroffen. Er braucht dringend medizinische Hilfe. Er wird von den Kumpels mit Essen und Trinken versorgt, aber seine Hände sind ganz geschwollen, die Lippen völlig aufgeplatzt. Er hat ein Geschwür am Bein. Als der Krankenwagen gerufen wurde, wollte man ihn nicht mitnehmen, weil er ja noch laufen konnte. Und falls doch, kostet das 500 Euro. Das will er nicht zahlen, obwohl er das Geld hätte. Sein Betreuer kommt am Wochenende aus dem Urlaub zurück.
Er hat mir gesagt, dass ich seinen echten Namen verwenden kann, wenn ich über den Park schreibe. Seine Frau ist weg und sein Sohn ist im Knast. Er lebte in der blauen Lagune und jetzt im Park. Seine Kumpels sorgen für ihn, zusammen räumen sie den Park auf, die Flaschen und so, es spielen doch Kinder und Hunde dort. Er versucht sich fit zu halten, schafft schon 2 Liegestütze.

Er steht meistens mit der Lerche auf, hat etwas gegen Langschläfer.