Letzte Nacht wollte ich nicht einschlafen, so schön war das Geräusch der Regentropfen auf dem Holunderbusch vor meinem Fenster. Ich kann stundenlang dem Regen zuhören, er beruhigt mich, er erzählt mir Geschichten. Heute hat auch mit Regen angefangen. Ich liebe diese Tage, keiner verlangt von dir, dass du fröhlich bist und dein Sommerkleid an hast, dass du leichtfüßig auf Sandalen durch die Straßen tanzt und “guten Morgen liebe Kinder” singst.

Jana hat mir ihr Fahrrad ausgeliehen. Fahrradfahren ist wie fliegen, die Stadt schrumpft unter den Rädern!

Alles liegt plötzlich viel näher zusammen, man bekommt einen besseren Überblick und fühlt sich leicht wie ein Vogel. Auch wenn man immer wieder hört, wie gefährlich es doch ist, durch die Stadt zu fahren, fühle ich mich hier total sicher, das Radfahren ist hier voll entspannt, wenn es haarig wird, kann man immer ohne Schwierigkeiten ausweichen, die nächste Radspur rettet dich.

Man kann einfach wie ein vollwertiger Verkehrsteilnehmer die Straßen benutzen. Einen ganzen Streifen hast du für dich, und zwar einen Streifen, der dich nicht auf einem 7%-Hang zwischen Bus- und Autospur führt, wie in Aachen.

In Bergedorf ist das Schloss im Regen sehr schön, fast verwunschen. Die Leute, die reinkommen, sehen plötzlich wie echte Wanderer aus, komplett in Funktionskleidung gehüllt, Wanderstiefel und mit regenfestem Gepäck unterm Arm. “Gibt es hier ein Alkohol-Verbot?” fragen sie direkt und sehen spähend um sich, sie wollen natürlich wie echte Wanderer Hefeweizen trinken, und das Café hat nur Kaffee. Ich erkläre, dass sie im Park schon Alkohol bekommen können. Dort ist er zwar auch verboten, aber wenn man ihn in Limonadenflaschen abfüllt, geht er durch. Sie können ja mal nachfragen.

Ich sitze eine Weile im Café, trinke einen Flat White (statt Cappuccino, man muss wissen, was man heutzutage bestellt) und entscheide mich, dass ich nicht den ganzen Tag einfach wie Rapunzel vor mich hinträumen kann, flat und white.

Dafür bin ich ja nicht hier, mein Haar ist nicht einmal lang genug. Es gibt übrigens so viele Friseure in Bergedorf, dass ich mich echt frage, ob es überhaupt noch Haare gibt hier.

Solche Überlegungen bringen mich auch nicht weiter.

Hey Hamburg, denke ich, ich brauche dich! Du bist Hamburg! Ich bin nur der Gast. Ich nehme mir vor, die Gastfreundschaft dieser Stadt mal zu erforschen. Wo fange ich an? Fühle ich mich willkommen in Bergedorf? Nun ja. Sicher. Es gibt einen sehr netten Polizisten. Und bald gibt mir Lisa eine private Führung durch die Vierlanden. Davon werde ich berichten. Aber heute reicht es mir nicht. Ich kann nicht den ganzen Tag Kaffee trinken und über haarige Themen grübeln.

Es gibt nur eine Möglichkeit, ich muss mich mal wieder bewegen.

Ich habe gehört, es gibt ein Hammercafé. Richtig, in Hammerbrook. Die Rösterei Maya ist schnell gefunden, die Terrasse ist voll, es steht eine Schlange bis draußen, alle wollen Kaffee trinken. Aha, denke ich, also doch. Es ist eine Rösterei, sie verkaufen handwerklich veredelten Premium-Kaffee, biologisch, fair gehandelt, von Kleinbauern, in selbstverwalteten Kooperativen. Aha. Toll.

Aber ehrlich, er schmeckt auch so.

Und da sind sie, die biologisch abbaubaren Kaffeekapseln. Genial. Ich nehme mir vor, hier noch mal einen Termin zu machen, ich will mit den Leuten reden, die so eine Rösterei betreiben. Wie schafft man es, sogar Kaffee-to-go-Becher anzubieten, die nicht nur biologisch abbaubar sind, sondern auch noch von der Chefin selbst entworfen wurden? Anhand der eigenen Zeichnungen?

Das ist Gastfreundlichkeit für Fortgeschrittene.

Mir kommt die Idee, dass ich das möchte. Etwas zum Anfassen. Worte, die gedruckt sind. Da ich das Talent meiner Urahnen noch nicht weiterentwickelt habe und keine wirklich gute Malerin bin, entscheide ich, dem geschriebenen Wort wieder seinen Wert zu geben, den es verdient. Michael findet, dass ich diesen Blog als Zeitung herausbringen soll. Er weiß, was zu tun ist.

Diese Idee fällt bei mir auf fruchtbaren Boden. Es folgen einige Fachgespräche, das Projekt nimmt Form an.

Und so kommt es, dass etwa 60 Meilen von der Elbmündung entfernt, auf dem Nordufer der Elbe, am Zusammenfluss des kleinen Flusses Alster mit der Elbe, die Zeitung „die Stadtschreiberin“ entsteht. Sie wird Mitte September fertig sein.

Hamburg und die Gastfreundschaft. Das soll der Leitfaden für diese Zeitung werden, damit kann ich etwas anfangen. Das werde ich jetzt mal untersuchen.

Fühlt man sich willkommen, wenn man im weltweiten Spinnennetz Gastro-Tipps abrufen kann? Restaurants und Cafés scannen?

Sollte man sich nicht die Mühe machen, es mal alles aufzuschreiben? In einer echten Zeitung? Ja, denke ich mir, das werde ich tun. Ein Gästebuch ist doch immer noch mehr wert als ein Internet-Kommentar. Man spürt es besser, wenn es geschrieben ist. Und ja, so denke ich, darauf kommt es an.

Sich als Gast willkommen fühlen.