Heute habe ich einen Mann getroffen, der schon mehr als 70 Jahren in Sankt Pauli wohnt. Er ist auf einem Schiff um die Welt gefahren, nur der Suez-Kanal fehlt ihm noch, dort war Krieg damals und er war gesperrt. Neu Seeland hat er auch nicht besucht, das ist schade. Er kennt jeden Türsteher auf dem Kiez und jeden Barbesitzer, er kennt die Leute, die hier arbeiten. Er ist stolz auf seinem Stadtteil, fühlt sich hier zuhause. Ob ich seinen Namen erfahren darf? Nein, lieber nicht, er möchte nicht in die Zeitung. Es gab schon Berichte über ihn, er bleibt lieber anonym. Er sieht mich vielbedeutend an, seine Augen glänzen. Etwas später gibt er mir seinen Führerschein, den grauen Lappen. So etwas habe ich noch nie gesehen. Ein riesiges Dokument, total alt und voller Farbspritzer. Von damals, als er die Schiffe lackiert hat. Ach so. Und das Foto. Es strahlt mich ein schöner junger Mann an, Anfang 60-er Jahren. Es ist eine Brücke in die Vergangenheit. Was der für Kleider anhat! Und dann die Haare! Dieser sixties-Schlafzimmerblick. Meine Augen gehen hin und her zwischen dem schönen Jüngling auf dem Bild und dem alten, mageren, grinsenden Mann mit Mütze, der vor mir steht. Ich lache und merke mir, wie er heißt. Wo er wohnt.

Natürlich kommt das nicht in die Zeitung.

Thorsten, ein Freund, der aus Hamburg kommt aber weggezogen ist, ist zu Besuch. Er hat sich hier mit seinen holländischen Freunden getroffen, um ein Fußballspiel anzuschauen. Die Holländer lästern leise “twee-vier, ha!” aber ich tue, als höre ich es nicht. Wir treffen uns alle in der Hausbar des Schmidt-Theaters, später gehe ich mit Thorsten noch durch Sankt Pauli, um einiges über diese Gegend zu erfahren. Er zeigt mir, wie das Gebiet verteilt ist, die kleinen Gassen mit den schönen, kleinen und gemütlichen Cafés sind etwas anderes als die großen Bierzelte mit den ganzen Junggesellen, die sich verabschieden. Wir sehen einen großen, mageren Mann mit Hasenohren und im Lederhöschen, er stolpert betrunken über den Hans-Albers-Platz. Es ist Sonntagmittag, vier Uhr. Ich hoffe, er hat ein schönes letztes Wochenende mit seinen Freunden verbracht, bevor er in den Hafen der Ehe einläuft. Einmal noch auf hoher See. Internationale Gewässern, alles ist erlaubt. Ich hoffe, es hilft. Die Ehe muss eine Strafe sein. Auf Spanisch heißen die Ehefrauen “las esposas”, was das gleiche Wort ist für die Handschellen. Also, Sie wissen Bescheid.

Hans Albers schirmt sich die Augen vor der Sonne ab und schaut gleichgültig in der Ferne.