Holger geht raus und schließt die Tür, es ist noch sehr früh morgens und es ist noch dunkel. Keine Vogelgeräusche, sogar die Nachtvögel schweigen. Keine Autos. Windstill. Es ist so leer um ihn herum, dass seine Gedanken sich formen können. Es ist erst der 12. April, die Luft ist kalt und klar.

“Es ist schon schwierig, lange aus der Stadt wegzubleiben. Wenn ich woanders bin, vermisse ich sie. Auch wenn es immer wieder regnet und der Wind durch den Mantel pfeift, auch wenn man hier nicht genau weiß, was Sommer ist. Ich liebe das Wasser hier, die Energie. Die großartige Architektur, die vielen tollen Geschäften.

Ich könnte auch nach Südfrankreich ziehen, die Kinder sind groß und wohnen nicht mehr zuhause. Aber was soll ich dort? Mich in der Sonne vertrocknen lassen? Im Schatten unterm Baum sitzen und in die Ferne gucken? Wein trinken und Sterne zählen? Grillen lauschen? Und dann? Wo sind dann meine Freunde? Wo trifft man sich? Wie viel alleine kann man aushalten?”

Holger sieht vor sich hin.

Wir haben uns am Seemannshaus getroffen und sehen über den Hafen. Ich habe ein Foto dabei aus 1889, dort liegen Holzschiffe, auf dem Ufer steht eine Bank. Der Mann auf der Bank grüßt die Frau, die gerade vorbeikommt, er hebt den Hut und senkt den Blick. Das erkennt man nicht so einfach, ich zoome mit der Handykamera ran. So kann man die Häuser, Straßen und Schiffe von früher viel besser beobachten, und die Menschen auch. Man bekommt einen Einblick in das Leben von damals, mehr als 100 Jahre her. Dort ist der Mann, er trägt Mantel und Hut, er sitzt auf einer Bank und grüßt die Frau, die vorbeigeht. Jetzt sind sie schon lange tot.

Kannten sie sich? Oder hat man früher einfach den Hut gelüftet, immer, wenn eine Dame vorbeiging?

Holger sagt, das darf man heutzutage nicht mehr machen, man würde einen drüber kriegen. Wenn man heute als Mann mit Mantel und Hut auf einer Bank am Hafen sitzt. Einfach dort sitzt, ohne Telefon, ohne Tablet. Und wenn man dann eine vorbeigehende Frau anschaut und grüßt. Dabei auch noch den Hut lüftet. Die Frau würde den Mann anzeigen.

Sie würde sich mit den Freundinnen über den unmöglichen Spanner aufregen, sie würden sich in ein Kaffeehaus setzen, entkoffeinierten Latte mit Karamell bestellen und einen Sekt, und dem Kellner auf den Hintern gucken.

Die Ehefrau von Holger ist Rechtsanwältin. Sie lässt sich nichts erzählen. Sie hat die Aufgaben zuhause präzise aufgeteilt, alle halten sich an die Regeln und an den straffen Zeitplan. Und jetzt sind die Kinder groß und die Kälte kriegt ins Haus. Die war immer schon da, aber die Kinder, mit ihrer unglaublichen Lebenskraft, hatten dafür gesorgt, dass sie kaum spürbar war. Holgers Frau ist vor ein paar Monate gegangen, sie war schon die zweite. Sie hat die Kälte nicht ausgehalten. Sie hat sich fest vorgenommen, vier mal im Jahr einen Städtetripp mit den Freundinnen zu machen, um aufzutanken und Spaß zu haben.

Das hat sie auch schon gemacht, als sie noch bei Holger wohnte, und hat nicht verstanden, wieso sie jedesmal erschöpft und launisch nach Hause kam. Die Wäsche war nicht gemacht und die Putzfrau hat nicht einmal die Spülmaschine ausgeräumt. Holger hatte seine Schuhe im Flur stehen lassen und das Bett nicht frisch bezogen. Er hat versucht, sie in den Arm zu nehmen, sich zu versöhnen, sich für alles zu entschuldigen, er würde sich sehr freuen, dass sie wieder da ist, und ob sie hoch gehen sollten?

Ob das seine Art wäre, Probleme zu lösen? Ob er meinte, sie wäre so einfach zu haben? Er denkt wohl, er kriegt sie so einfach ins Bett? Dafür müsste er sich aber um einiges mehr anstrengen.

Und sag jetzt nichts, es ist eh das Falsche. Das Thema ist durch.

Das ist der Grund, wieso Holger nach Südfrankreich zieht jetzt. Weg von den ständigen Angriffen, weg von jedem deutschen Wort. Denn jedes Wort, so weiß er genau, sein bester Freund ist auch Rechtsanwalt, Scheidungsrecht, jedes Wort kann den Ruin bedeuten. Jedes Wort kann jemanden festnageln, und zwar so, dass man anfängt, an den eigenen gesunden Menschenverstand zu zweifeln.

Besser in Frankreich. Besser unter einem Baum sitzen und in die Ferne schauen. Kein Wort Französisch sprechen, keine Gefahr. Wein trinken, sich von der warmen Abendluft einlullen lassen. Kein Rheuma bekommen. Keine Albträume mehr. Holger nickt unmerkbar.

Die Kinder würden zu Besuch kommen, vielleicht bald mit Enkelkindern. Die Freunde würden kommen, er würde für sie kochen, ganz einfach, Gemüse vom Markt. Er würde ganz von alleine das Französisch aufnehmen. Es würde in ihn hinein diffundieren, ein natürlicher Prozess. Vielleicht würde er, wenn er ganz einfach leben würde, dort auf dem Land, unbekannt und ohne Geschichte, auch die Mademoiselles wieder grüßen können, er würde seinen Sonnenhut abnehmen und den Blick senken. Die Damen würden sich freuen, sagen, die Deutschen seien solch höfliche Männer.

“Und nachts ist es richtig dunkel hier”, sagt Holger, “man hört nur den Wind und die Nachtvögel. Und die leisen Bewegungen der Tiere, die hier leben, fast geräuschlos bewegen sie sich durch die Dunkelheit, als wäre es die Bewegung, die man spürt, das sanfte Einatmen, die abwartende Landschaft, die sich ein wenig ändert. Schläfst du? Die Nacht streckt sich aus. Der feine Kräuterduft hängt der in der Luft, ich könnte mich an diesen Geruch betrinken.

Und ja, schlaf ruhig weiter, gleich riecht es nach Kaffee.”