Es ist Samstagmorgen, ich überlege, mich auf den alten Holzboden meines Zimmers hinzulegen und die Bauchmuskeln zu trainieren. Sie wissen ja, wenn man die Mitte stärkt, gewinnt man an Lebenslust, Selbstwertgefühl und Stabilität, man strahlt Kraft und Eleganz aus und ist für jede Situation gerüstet, aber ich habe keine Lust.

Die Sonne scheint, ich steige auf das Fahrrad und rolle Richtung Stadt. Ein Mensch auf einem schwarzen Chromrad fährt plötzlich neben mir. Er sieht sich mein Rad an, eigentlich Janas Rad, grinst mitleidig. “Muss mal in die Inspektion”, sagt er und fährt eine ganze Weile neben mir, auch wenn sein Rad eindeutig für andere Geschwindigkeiten entworfen ist. Durch die getönte Sportbrille, den Helm und das Tuch kann ich nur 2 cm Gesicht erkennen, an den Zähnen kann ich sehen, dass er um die 60 ist. Er sagt, dass er immer mit dem Rad zur Arbeit fährt, er kann ja im Büro duschen, Hamburg wäre eine echte Fahrradstadt. Ja, das finde ich auch. Man fühlt sich sicher. Etwas an ihm warnt mich, bei der roten Ampel anzuhalten, auch wenn kein Verkehr kommt.

In der Caffamacherreihe biegt er links ab, also doch. Ein sportlicher, gut gelaunter Polizist, der am Samstag Dienst hat und mich mit Sonnebrille und in Zivil durch die Stadt begleitet.

Am Rathaus sind sehr viele Leute, es sind Klimawochen, überall kommen Busse mit noch mehr Menschen, alles wuselt durch die Stadt, ich entscheide, weiterzufahren, an der Alster vorbei, am Park vorbei, wieder zu meiner Wohnung. Ich ziehe mich um und gehe ins Schmidt-Theater. Mal sehen, was dort im Wochenende so los ist.

Vor der Tür steht eine Menschenmasse. Da ich meine Brille nicht aufhabe, erkenne ich von weitem nicht, dass sie alle irgendwie ähnlich aussehen, denke, hier ist ein Schulausflug. Ich bitte die Schüler, mich durchzulassen. Ich wundere mich, dass sie sich ziemlich unflexibel bewegen, wenn ich mich vorbeischlängele, nicht unfreundlich, aber ihre Bewegungen sind irgendwie umständlich. Im Theater erfahre ich, dass es eine geschlossene Gesellschaft ist, 460 Bodybuilder. Aha. René nennt es eine Buildungsreise.

Drei Weltmeister auf der Bühne, Fotografen, Filmteam, Proteine. Proteine in allen Farben und Formen, Shakes, Pudding, Waffeln (mit Salty Caramel oder Schokolade, ohne Zucker), Süßigkeiten, Avocadobrote. Christian gibt mir seine Visitenkarte, Fitmart, der Sponsor. Er nimmt mir den Mantel ab, begleitet mich durch die Räume, erklärt mir freundlich, wer diese Schränke sind, die dort posieren, Weltmeister, und bittet mich, zu bleiben. Ich bekomme einen Sitzplatz ganz vorne im Theater.

Nur bin ich nie dort angekommen, oben im Restaurant hat die Autogrammstunde sich total in die Länge gezogen, so dass der David nicht auf die Bühne konnte, dort habe ich dann nachgeholfen, indem ich die Personen mit ihrem jeweiligen Handy in der jeweiligen Pose mit David fotografiert habe. So oft habe ich noch nie einen Mann fotografiert. Einen Mann mit Unterarmen doppelt so dick wie meine Oberschenkel. Man  rührt ihm während der ganze Aktion immer wieder Proteinpulver an, so hält er gut durch und kommt dann doch noch auf die Bühne.

Es interessiert mich schon, was sie dort erzählen, und ich betrete leise den Saal, gucke mir das Theater an. David Hoffmann habe ich ja schon kennengelernt, dann gibt es noch Roman Fritz, der im Heim aufgewachsen ist, sich durchgeschlagen hat mit unglaublicher Disziplin. Er hat es erreicht, er ist ganz oben angekommen, er wird Rex genannt. Und Tim Budenheim, der untertage gearbeitet hat, sein Studium nachgeholt, genau so groß ist wie ich und fast doppelt so schwer. Gucken Sie mal auf Instagram, dann sehen Sie genug. Unfassbar.

Der Spitzensport im Schmidt-Theater. Mit Bodybuilding geht das. Die Kombination ist gelungen. Ein Jungen aus Düsseldorf erzählt, es freut ihn total, sich so mal treffen zu können, nicht immer auf dem Sportplatz, in der Halle, wo es immer gleich riecht und wo man sich nicht entspannen kann. Hier wäre es klasse. Dieses Theater hätte nun mal richtig Stil. Ja, nicke ich, das ist so.

Die Weltmeister auf der Bühne sitzen voneinander getrennt. Wo drei Künstler sonst auf einem Sofa sitzen und ein nettes Gespräch führen, während noch Platz ist für einen quirligen Moderator, füllt so ein Weltmeister das ganze Sofa aus.

Die Zuschauer sind glücklich, ihre Helden mal live zu sehen, sie dürfen sogar anfassen und alles fragen. Sie bekommen alle ein Autogramm, die Athleten lächeln sehr viel, haben ein nettes Wort für jeden Fan, posieren mit allen, die es wollen.

Das muss ich schon bewundern.

Ob ich gleich noch Bauchmuskeltraining mache? Mal sehen.

Man kann es auch übertreiben.