Heute morgen scheint die Sonne. Es ist ein Feiertag, und es gehört sich so, dass man erst gegen Mittag aus dem Haus geht. Die Straßen sind immer noch leer, ab und zu kommt ein entspanntes Auto vorbei. An der Alster flanieren Gruppen von Leuten, sie fotografieren das Wasser und die Fontäne. Ich fahre zur Kunsthalle, will Rembrandt gucken, er ist morgen genau 350 Jahre tot.

Ich stecke die Tasche und den Mantel in ein Schließfach, merke, dass ich meine Brille vergessen habe. Ich habe aber das Ticket schon, was mache ich denn jetzt? Ich werde wohl an jedes Gemälde ziemlich nah dran gehen müssen. Bei einigen geht das, da sieht man die Pinselstriche und mit der Nase fast gegen das Tuch entdeckt man die Genialität. Es gibt aber auch Gemälde, die kann man nicht gut aus der Nähe betrachten, sie sind zu wild. Sie sehen von ganz nah genau so aus wie wenn ich sie ohne Brille sehe. Wie Fontainebleau von Monet. 

Das versuche ich den Mitarbeitern zu erklären, die freundlich und geduldig unten an der Treppe stehen und die Tickets abreißen. Nun ja, schade, sagt die Dame, und dass ich mir ihre Brille nicht ausleihen kann, sie braucht sie selber. Ihr Kollege begleitet mich in die Garderobe unten. Dort  zeigt man mir eine große Kiste voller Brillen. Ein richtiger Schatz. Alle sind irgendwann in der Kunsthalle liegen geblieben. Ich probiere sie durch, fast alle sind Lesebrillen, die kann ich nicht gebrauchen, in der Nähe sehe ich gut. Und Sonnenbrillen, ziemlich schöne sogar. Sie sollten zuhause mal schauen, ob Sie eine vermissen und letztens in der Kunsthalle waren. Ihre Brille wurde gefunden und sorgfältig in der Garderobe aufbewahrt.

Ich leihe mir eine aus, die irgendwie geht. Und so laufe ich mit einer rotumrandeten Brille durch die Ausstellung. Mir wird ganz schwindelig dabei, so dass ich sie wieder absetzen muss.

Später erzähle ich der Dame vom Ticketverkauf von meinem verschwommenen Erlebnis, und auch davon, dass das Kupferstichkabinett leider zu hatte, stimmt, heute ist Feiertag. Sie lächelt und schüttelt den Kopf. Schiebt mir eine Freikarte zu, damit ich noch mal wiederkommen kann, mit Brille. Ich sehe sie an, freue mich. So geht Kunst. Man wird eingeladen, sie zu erleben, das sind hier nicht nur leere Marketingsprüche. Und das ist, was mir gefällt. Die Kunsthalle will uns wirklich alle dort sehen und ihre Schätze zeigen. Jeder Mensch mit Interesse an diesem besonderen Ort hat auch Zugang zu diesem. Museen sind elitär, aber jeder, der will, kann zu dieser Elite gehören sagt Alexander Klar in der Zeit.

Die Stadt streckt sich lässig um ihre Alster aus und lädt mich auf einen Spaziergang ein. Die goldene Oktobersonne hängt übermütig in der blauen Luft, die Straßen sind ruhig, die Menschen froh und entspannt.

Eine mobile Radarfalle ist auf dem Jungfernstieg aufgestellt. 

Bei den Landungsbrücken steht die Sonne tief, die Kräne zeichnen sich scharf gegen den Abendhimmel ab, so schön, dass man stehen bleiben muss und nach Westen schauen. Das Wasser ist dunkelblau und schimmert, die Luft ist von warmen Farben gesättigt. Die Menschen spazieren mit goldenen Haaren am Wasser entlang, die Speicherstadt leuchtet auf. 

Dieses Bild wird gerade gemalt, es ist noch nass. Dieses Kunstwerk entsteht jetzt, hier am Wasser, aus dem Nichts, die Wolken kriegen einen leuchtenden Rand, die Möwen werden mit einer schnellen Bewegung  gegen den Himmel gemalt, ein feiner Sichelmond erscheint. 

Wir sind dabei, wir sind mitten drin.