Ich sitze im Bett und trinke Tee, es ist 20:00. So macht man das in der aufregendste Stadt der Welt. Gestern hat es den ganzen Tag geregnet, mal wieder ein Himmel in fifty shades of Hamburg. Es gibt fast nichts schöneres, als abends nach der Arbeit durch die Kälte und die Dunkelheit Fahrrad zu fahren, mit nassen Haaren, eiskalten Händen, roten Backen und kalten Beinen. Und dann in die Wohnung in die Wärme zu kommen, die nassen Sachen auszuziehen und heiß zu duschen. So dachte ich mir gestern.

Auch wenn ich einiges vertrage, und mir fast kein Wetter zuwider ist, bin ich heute etwas angeschlagen. Bei DM gibt es einen Erkältungstee, der hat Weidenrinde, das ist der Baustoff von Aspirin. Der ideale Begleiter für das Hamburger Wetter. Hier sitze ich denn nun, in einer Decke eingepackt auf meinem Bett im Vorwerkstift und trinke ihn. Ich habe Halsschmerzen, bin schlapp und es ist so ein herrlich herbstliches Gefühl.

Ich habe ein Buch über Carl von Linné, den großen schwedischen Botaniker gelesen. Er sollte Pfarrer werden, wie sein Vater und Großvater auch, interessierte sich aber viel mehr für Mathematik und Naturwissenschaften. Er kam überhaupt nicht zurecht in der Domschule, wo er seine Laufbahn erlernen sollte, es war ein einziger Leidensweg für ihn. Er wollte etwas anderes, sein Vater war geschockt, als er die schwache Noten sah. Als ein befreundeter Arzt, der das Talent des Jungens erkannt hatte, ihn unentgeltlich bei sich zuhause aufnahm und ihn in der Botanik und Physiologie unterrichtete, konnte der Junge endlich aufleben und sein Talent entwickeln.

Er schlug seinen eigenen Weg ein, studierte und reiste viel, er brachte im Laufe seines Lebens unfassbar viele Werke heraus, schuf die Grundlagen der modernen botanischen und zoologischen Nomenklatur. Er hat ganze Enzyklopädien geschaffen. William Thomas Stearn lobte ihn als Ökologe, Geobotaniker, Dendrochronologe –déndron heißt Baum auf Griechisch, also die Lehre der Baumringe-, Evolutionist, botanischer Pornograf und Sexualist.

Was wäre der 1707 geborene Junge geworden, hätte er in der Domschule verharren müssen? Was, wenn er nicht durch Privatunterricht gerettet worden wäre, wenn er den begeisterten Arzt, der ihm das ermöglicht hatte, nicht getroffen hätte?

Ich habe gestern in den Bücherhallen der Zentralbibliothek die Jugend beobachtet, hier laufen viele Schulkinder und Jugendliche rein und raus, man sieht, dass sie voller Ideen sind, und ja, interessiert. Es ist so wichtig, dass Talent entdeckt und vor allem gefördert wird, dass alle Kinder Zugang zu allen möglichen Bildungswegen haben. Wie können sie sonst rausfinden, was sie wirklich interessiert und begeistert?

Wieso sollten überhaupt die Kinder verpflichtet werden, den gleichen Wissenstand zu erreichen, in allen Fächern, alle in einem gleichen Zeitraum? Ich weiß nicht, was ich von so einer Einheitlichkeit halte. Die Menschen sind doch total unterschiedlich. Nicht nur ihre Charaktere, sondern doch auch ihre Fähigkeiten sind komplett individuell. Die Noten, die man für geleistete Arbeit bekommt, sind abstrakt und kalt, sie sind eigentlich nichtssagend, ein schlechter Tausch für das Wissen, das man hat. Dürfen wir Schulnoten schwarz auf weiß entscheiden lassen, über wie gut ein Kind ist? Das ist sehr eingeschränkt und hört sich nicht fair an.

Aber brenzlige Fragen werden gerne mal umschifft. Es werden neue Probleme angegangen, die an sich gar keine Probleme darstellen. Wir sollten die neue Generationen auf die Digitalisierung vorbereiten, hört man immer wieder. Wie bitte? Ist es nicht eher so, dass sie uns darauf vorbereiten werden? Es wird nicht helfen, wenn jedes Kind in der Schule ein Tablett bekommt. Man würde eine Menge investieren und mit der Auswahl nur ungeschickt hinterherhinken. So einfach ist es nicht, mit den Ausgaben in der Form von Hardware ist noch keiner schlau geworden. Spielzeug kaufen reicht ja auch nicht als Zeichen von Elternliebe. Wissbegierigkeit wird damit nicht gestillt, es handelt sich hier um eine faule Abkürzung. Es geht nicht um das Medium, sondern um die Dinge an sich. Wenn das Interesse einmal geweckt ist, finden sich schon Mittel und Wege, es zu kultivieren. Denn alles ist schon da, es geht hier nur um die Begeisterung.

Also ab in die Bibliothek. Dort gibt es eine Menge Angebote, es gibt die Lernwelte, es gibt Projekte für Kinder, für Jugendliche, für Lehrer. Setzen sie sich an einen schönen Platz in der Nähe vom Eingang, wo Sie Kaffee trinken können, der ist gar nicht so schlecht dort. Es ist dort warm, trocken und es gibt 400.000 Bücher. Treffen Sie sich, unterhalten Sie sich in leisem Ton, tauschen Sie sich aus. Begegnen Sie der Stadtschreiberin bei der Arbeit. 

Jetzt muss ich erstmal die Wärmflasche füllen und schlafen. Ich habe ein gutes Buch, lege mich ins Bett und lese 2,5 Seiten, dann schlafe ich ein. Bevor die Ohren sich für die Nacht abschalten, lauschen sie noch die sanften Regentropfen gegen das Fenster, sie nehmen die schöne Melodie auf und ich kann gerade noch denken, Hamburg, du Lieblingsstadt.