Ich sehe mir das letzte Foto aus meiner Sammlung an, es heißt “der Binnenhafen 1881”. 

Überall liegen Holzsegelschiffe und Ewer, Gemüseschiffe aus den Vierlanden, dahinter die Nikolaikirche, damals das höchste Gebäude der Welt, und die Katharinenkirche. Auf einem Schild vorne am Kai steht “Abfahrt der Jollenführer”.

Das Foto zeigt ein Durcheinander von Leinen und Masten, Schiffen und Tauen, es gab die durchstrukturierte Speicherstadt noch nicht. 

Vorne auf dem Foto sind 9 Männer, alle mit Hut, alle haben ein weißes Hemd an. Manche eine Weste, andere eine Jacke. Sie tragen eine Fliege oder eine Krawatte. Wer sie wohl sind? Ihre Nachfahren laufen wahrscheinlich noch durch Hamburg, es sind ja noch keine 140 Jahre her. Ungefähr 6 Generationen. Vielleicht habe ich die Nachfahren in der Stadt schon getroffen, vielleicht waren die Herren, mit denen ich mich am Freitag in Café Paris unterhalten habe, echte Nachfahren von diesen Männern. Sie schienen sich mit Hamburg jedenfalls bestens auszukennen.

“Hier ist der spießigste Teil Hamburgs”, so sagt einer von ihnen. “Und gehen Sie mal hoch, in die Belle Étage, das ist dann die Steigerung, lauter Pfeffersäcke”. Ich denke mir, die Pfeffersäcke sind immer die anderen, wann treffe ich endlich mal einen, der das von sich selber behauptet? Das Wort gibt einen Hinweis auf sich rücksichtslos bereichernde Händler. Wobei, Händler müssen auch handeln können, so denke ich, und lieber Pfeffersack als Salzsäule. 

Im Café lese ich, dass am 22.11 und 23. frische Meeresfrüchte aus der Brétagne ins Lokal kommen, bitte reservieren. Schauen Sie sich lieber nicht das Foto dazu im Internet an. Es vermittelt den Eindruck, dass Sie in die Biotonne gucken, es ist dégoutant. Wer macht denn so ein Foto, geht das nicht ein bisschen appetitlicher? C’est scandaleux. Enfin. 

Ich suche weiter nach Nachfahren von den Herren aus 1881, wie man auch anhand des berühmten Fotos Lunch atop a Skyscraper gemacht hat, das 51 Jahre später in Manhattan entstanden ist. Dort hat man auch verschiedene Männer identifizieren können, ich hätte hier lediglich 2 Generationen mehr zu überbrücken. Es durfte dennoch einfacher sein, denn die Männer auf meinem Foto sind keine Wanderarbeiter, sondern Hamburger, so nehme ich an. Ich habe es abfotografiert und trage es bei mir, vielleicht finde ich noch jemanden, der dort etwas erkennt. 

Es ist Samstagnachmittag, die Gäste bei Hermetic Coffee Roasters stehen bis zur Tür um bestellen zu können. Sogar auf der novemberbeblätterten Terrasse ist es voll, auch wenn es nur mickrige 8 Grad sind.

Es wundert mich nicht mehr, bekanntlich sind die Hamburger aus anderem Holz geschnitzt, durchtriebenes Hafenholz oder so. Treibholz. Was mich heute aber schon wundert, ist dass so viele Leute mit ihrem Kaffee durch die Straßen treiben. Wie eine Ameisenstraße schlängeln sie sich ins Café rein und mit ihren to-go-Bechern wieder raus, unermüdlich. Einer fängt damit an und alle machen es nach. So eine eifrige Ameisenstraße wäre beim Laden und Löschen der Schiffe 1881 eine wirkliche Hilfe gewesen, jetzt geht die Energie einfach so verloren in die Novemberluft.

Der Andrang lässt nach, plötzlich ist das Lokal wieder fast leer. Ebbe und Flut kommen ja bekanntlich bis hier, tief in die Stadt hinein.

Florian kommt rein und setzt sich neben mich. Er ist Radfahrer, kommt aus Karlsruhe und findet die Hamburger Straßen gefährlich, er ist schon ein paar mal vom Auto erfasst worden. Er sieht um sich. “Was ist hier heute wenig los”, meint er. Ich muss lachen. Denn gerade 5 Minuten bevor er reingekommen ist, war kein einziger Platz mehr frei.

Die nächste Welle kommt gleich. Das Gesetz der Gezeiten. Ich erkläre ihm das, er sieht mich schweigend an, weiß nicht so genau, was ich will. Stadtschreiberin also. Wir haben dennoch ein interessantes Gespräch, uns kommt sogar eine Geschäftsidee. Ein Ladenlokal mieten, dazu 25 Figuranten, die vor der Tür eine Schlange formen. Gebrauchtes und nicht gespültes Geschirr, mit verschiedenen Mustern, Zwiebeln, Rosen, so uneinheitlich wie möglich, am Besten vom Flohmarkt nebenan, draußen auf einen Wackeltisch stellen. Auch wenn es stürmt oder friert. Der Erfolg des Lokals ist garantiert.

Was wird dort dann angeboten? Das ist egal, darüber müssen wir noch brainstormen. Irgend etwas Französisches vielleicht. Bio. Hand crafted. 

Fleur de Sel aus der Normandie an bretonischen Austern.

Oder etwas Exotisches. Cassia-Zimt aus Süd-China und Indonesien, oder gar den exklusiven Ceylon-Zimt, fein aus dünnen Rinden zusammengesteckt, so dass er wie eine Zigarre aussieht. Ich habe ein Buch in den Bücherhallen gefunden, das den Unterschied der verschiedenen Zimtarten leidenschaftlich beschreibt. Und was passt besser zu einer Hafenstadt als Gewürze aus aller Welt?

Oh Hafenstadt! Chilis aus Nigeria, Lorbeer aus Griechenland, Ingwer aus Jamaika, Muskatnüsse aus West-Indien, jede Nuss ist ein Hochzeitsgeschenk. Vanille –sie wächst als Frucht aus den duftenden goldweißen Blüten einer Orchidee im lichten Schatten immergrüner Wälder, umhüllt von ganzjährig tropischer Wärme. Kanel –ach so, hatten wir den schon? Ja, aber ich finde den Namen so schön, aus dem Lateinischen canella, Röhrchen.

Und klar, schwarzer Pfeffer aus Borneo. 

Pfeffer hat magische Kräfte. Vor allem soll er aphrodisierend wirken, ist er doch durchblutungsfördernd. Seine Schärfe stellt für den Körper einen kleinen Schmerzreiz dar, es werden mehr Endorphine, Glückshormone produziert, das Wohlbefinden steigt, das Liebesspiel kann beginnen.

Diese lustvollen Pfeffersäcke.