Ob ich den Ohlsdorfer Friedhof kenne? So fragt mich Joachim in der Bücherhalle. Ja, theoretisch schon. Aber ich war noch nicht dort, ich habe nur davon gelesen, dort findet man RosengrabstättenBaumgräber, den Garten der Frauen, den Schmetterlingsgarten, einen Wildblumengarten. Sogar einen Naturlernpfad

Na also. Den sollte ich unbedingt besuchen, so meint er. Gut, es regnet, die Luft ist grau und neblig, die Leute in der S-Bahn heute morgen sprudelten nicht gerade vor Lebenslust. In 100 Jahren sind wir alle Staub. Was ist wichtig? Vielleicht fahre ich später zum Friedhof, mal gucken, wer dort so alles ruht. Ich kann einen Gruß aus der Stadt rüberbringen, es ist der richtige Monat dazu.

Haben die Leute, die da beerdigt sind, Geheimnisse in Schachteln gepackt und auf dem Dachboden versteckt?

Haben sie auf den Landungsbrücken gestanden und über die Elbe geschaut? Sind sie über den Jungfernstieg spazieren gegangen? Haben Sie auf der Bank bei der Lombardsbrücke in der Sonne gesessen? Haben sie die Kunsthalle besucht? Tee in den Vier Jahreszeiten getrunken? Haben sie im Alsterhaus eingekauft? Sich in der dunkelsten Zeit des Jahres in der Wäscheabteilung beraten lassen und gerade das Teil gekauft, das nicht vernünftig und warm, dafür aber unwiderstehlich schön war?

Das ist unwiderstehlich schön, sagt die Dame in der Wäscheabteilung vom Alsterhaus, als ich nach einem bestimmten Kleidungsstück frage. Sie wird mal schnell nachschauen, ob es vorrätig ist, es ist nicht sehr geläufig. Diese Woche noch hatte sie eine Kundin, die den gleichen Wunsch hatte. Auch wenn es ungewohnt ist, sieht es sehr gut aus.

Sie findet das Teil, ich vertraue ihrer Erfahrung und gehe in die Umkleidekabine. Hm. Der Spiegel ist schon sehr nah. Aber das Licht ist sanft. Sie kommt dazu und hilft mir mit dem Verschluss. Geht doch babyleicht, sehen Sie.

Genau. Hier stehe ich dann mit der Verkäuferin in der Umkleidekabine und ich denke, weniger is mehr.

Ich sollte mal wieder in der Kunsthalle vorbeischauen, so Dr. Alexander Klar. Er sitzt neben mir beim Mittagessen und erzählt über seine Arbeit. Vorher war er Museumsdirektor in Wiesbaden, jetzt künstlerischer und wissenschaftlicher Leiter in Hamburg. Ich kenne ihn, ich war dabei, als er im Sommer seine Eröffnungsrede gehalten hatte, zum 150. Geburtstag der Kunsthalle, es war an einem sehr heißen Augustabend, ich habe mich dort mit Heidi getroffen und wir haben gebannt seiner feierlichen Worte gelauscht. 

Heute Abend bin ich mit meiner Freundin Christiane unterwegs, sie ist Germanistin, vielleicht wird sie mich mit dem Lektorat meiner Texte unterstützen, denn es schleichen sich immer mal wieder Schreibfehler ein. Sie ist in Hamburg zu Besuch, weil sie an einem Forschungsprojekt zur digitalen Zukunft von Innenstädten teilnimmt. Wir gehen zum Café Stark und kommen mit Andreas und Werner ins Gespräch.

Andreas ist Schriftsteller aus der Schweiz, Werner ist Literaturwissenschaftler. Sie arbeiten schon viele Jahre zusammen. Sie finden, dass eine Bibliothek zwar toll für fertige Bücher ist, aber dort den ganzen Tag zu sitzen, ist irgendwie nicht produktiv. Sie meinen, dass Bücher, die gerade im Entstehen sind, dort nichts zu suchen haben. Sich inspirieren lassen? Das geht besser ungezwungen unterwegs, dafür muss man sich einfach treiben lassen.

Ich lade sie zur Lesung nächste Woche ein.

Andreas spricht auch Englisch, Französisch und Spanisch. Und noch eine weitere Sprache, die er auf einem Dachboden in einer Schachtel gefunden hat. Es ist eine Art geheime Sprache, eine Sprechschrift. Christiane und ich versuchen, den Artikel zu lesen, wir verstehen zuerst nichts davon, aber nach einer Weile schon. Die Wörter, die erst unverständlich sich willkürlich zusammenzusetzen scheinen, formen doch einen Sinn. Das können Sie in tau nachlesen, einer Zeitschrift für Literatur, Ausgabe urlässig.

Wie erfindet man eine Sprache? Sie muss wachsen und eine soziale Bedeutung haben. Morsezeichen oder Esperanto kann man lernen, aber lebendige, alltagstaugliche Sprachen werden sie nicht. Es gibt dennoch Wörter, die nicht erst wachsen müssen, sondern die man einfach erfinden muss. Wolkelig zum Beispiel. So weich, schön und frei. Feinspitz. Ein bisschen fein, ein bisschen Spitz und verrucht elegant. Urlässig. Die Sprache ist ein lebendiges Gut, sie will gepflegt werden. Man darf mit ihr experimentieren, so lange man aufpasst, dass sie nicht verarmt, sondern reicher wird. Es ist egal, was der Duden sagt, fühlen Sie sich frei. Komponieren Sie. Drücken Sie aus, was sie meinen, Sie werden schon verstanden.

Zu Feinspitz meint Duden: Feinschmecker. Das reicht mir nicht, ich suche weiter. Enzyclo.de meint: Feinspitz [m. 1 ; österr.] jmd., der Dinge schnell durchschaut und daraus seine Vorteile zieht. Das hört sich fast hanseatisch an.

Es wird ein lustiger, sehr literarischer und überraschender Abend.

Als die Literaturkünstler einige Worte reicher wieder auf ihre Rennräder steigen und durch den Nieselregen in die Nacht verschwinden, sehe ich Christiane an: das war gerade unglaublich schön.