“Hier ist ein Artikel für Sie, ich habe ihn gerade ausgedruckt”, so Karsten, als er mich in der Bücherhalle begrüßt. Er gibt mir einen Zettel. Es ist ein Bericht von einem Hamburger Apotheker und Alchemist, der im späten 17. Jahrhundert lebte. Er hieß Henning Brand, war Soldat, benutzte den Titel eines Dr. med., auch wenn er kein Latein konnte und daher wahrscheinlich kein Mediziner war. Er war schon ein begeisterter Chemiker. Für seine alchemistischen Experimente hat er das Vermögen seiner Frau komplett aufgebraucht.

Dann handelte er mit Chemikalien und Medikamente, wohl aus Geldnot. Er war leidenschaftlich. Er war risikobereit, vor allem mit dem Vermögen anderer. Er war gewieft, er war Hanseat.

Wissen Sie, was Herr Brand entdeckt hat? Sie können das Experiment einfach mal nachstellen. Erhitzen Sie Urin, lassen Sie es zu einem schwarzen Rückstand eintrocknen und dann mehrere Monate stehen. Jetzt erhitzen Sie ihn nochmal, erst langsam, dann auf hoher Temperatur, bevor Sie ihn destillieren. Was entsteht? Phosphor.

Der Phosphor schlägt sich in Wasser als weiße, wachsartige Substanz nieder. Seien Sie jedoch zu jeder Zeit äußerst vorsichtig, dieser Stoff kann sich entzünden.

So wurde das erste Element in der Chemiegeschichte der Neuzeit in Hamburg entdeckt. Es brauchte einen Namen. Brand nannte es kaltes Feuer, oder phosporus, was auf Griechisch Lichtträger heißt.

Was macht ein hanseatischer Wissenschaftler, wenn er so etwas entdeckt hat? Er legt es nicht auf den Speicher, er verfasst keine Enzyklopädie, er lässt es nicht in einer Ecke vergammeln. Er verkriecht sich nicht in seine Werkstatt. Er rückt damit raus, geht an die Öffentlichkeit mit Demonstrationen und Verkauf des Stoffes und verdient richtig Geld. 

Ich freue mich, auf eine so nette Art noch etwas vom Chemieunterricht nachholen zu können. Hätte ich damals einen Lehrer wie Karsten an der Schule gehabt, hätte ich vielleicht etwas von Chemie verstanden. Es geht darum, Begeisterung zu wecken. 

Gerade läuft eine Schulklasse durch die Bibliothek, ich schätze, die 8. Klasse, ungefähr 13 Jahre alt sind die Kinder. Eine wilde, laute Gruppe, die sich um den Automaten mit Schulsachen sammelt, denn alle haben etwas vergessen, Radiergummi, Haftzettel, Stifte. Sie lachen, schubsen sich, haben die Mobiltelefone in den Hosentaschen und die Bücher unterm Arm.

Ich würde sie gerne mal fragen, ob sie schon Chemie in der Schule haben, und wie es ihnen gefällt, ob sie überhaupt wissen, was sie da lernen, um was es geht. Ich sehe mir im Internet Klassenarbeiten der 8. Klasse Chemie an. Ja genau, hier sind die Basics. Man sollte sich immer mal wieder mit diesen Grundlagen beschäftigen, man versteht die Welt, wenn die Chemie stimmt.

Es gibt natürlich auch Physik, Mathematik. Ich habe immer behauptet, ich hätte eher ein Sprachentalent, interessiere mich nicht sehr für Chemie und Physik. Das war nicht richtig, wie ich jetzt feststellen muss. Wenn man etwas gut kann, soll das keine Ausrede sein, etwas anderes einfach nicht zu lernen. Gut, die Lehrer waren natürlich Schuld. Aber vielleicht steige ich einfach wieder ein, die Vorgaben der achten Klasse sind perfekt. Bald bin ich wieder in Aachen, dann kann ich mich mit meinem jüngsten Sohn darüber unterhalten. Mal sehen, wie weit ich komme. Mir bleibt nur wenig Zeit, mich vorzubereiten. Ich habe das Gefühl, bald abgezockt zu werden.

Als ich eben durch die Stadt lief, um etwas zu essen zu suchen, sah ich eine Schafherde auf der Steinstraße. Kurz überlegte ich, hier wäre schon eine Weihnachtskrippe aufgebaut, mit lebendigen Tieren, auch wenn vor zwei Wochen eine Demo für mehr Tierrechte durch die Stadt gezogen ist. Die Installation einer lebendigen Weihnachtskrippe könnte Kunst sein. Vielleicht ein rebellischer Akt gegen die Kunststoffdekorationen überall. Sagen Sie nein zu Wegwerfartikeln, nehmen Sie Tiere.

In Leuven, mitten in Belgien, wird jedes Jahr ein Stall mit echten Tieren auf dem Marktplatz aufgebaut, sie scheinen sich dort ziemlich wohl zu fühlen im Stroh. Sie sehen die Besucher neugierig kauend an, ich habe nicht das Gefühl, sie seien besonders gestresst. Aber man muss hier aufpassen, was man sagt, Tierrechtler können gnadenlos sein. Wenn man Schafe zur Schau stellt, haben wir bald die nächste #mähtoo Kampagne.

Nun, hier in Hamburg waren es natürlich keine echten Schafe, dort auf der Terrasse. Ich hatte einfach die Brille nicht auf, es waren Stühle mit Schafsfellen. Ja! Echte Felle! Ich weiß. Ich halte mich da raus. Ich esse keine Tiere. Aber ich trinke in der Rösterei Coffeum einen fairen Biokaffee, frisch geröstet und heiß serviert, das schon. Wenigstens hat man hier nicht den penetranten Geruch der Bratwürste wie auf der Mönckebergstraße.

In Kaffee befinden sich mehr als 1.000 verschiedene Substanzen: 80 verschiedene Säuren, ca. 800 Aromastoffe, Mineralien, Koffein. Chemisch entschlüsselt ist davon nur ein ganz kleiner Teil. Das heißt, Kaffee bleibt mysteriös, der Stoff kann noch nicht nachgebaut werden, er überrascht uns immer wieder, denn das Aroma und seine Wirkung hängen natürlich davon ab, wo er wächst und wie er verarbeitet wird. 

Hier ist noch richtige Forschungsarbeit für angehende Chemiker.