Blog Image

Hamburger Gast

Gerade scharf genug

hamburger gast 2019 Posted on So, Oktober 13, 2019 09:40:41

Was „amuse-bouche“ heißt? Amuse kommt von amuser, amüsieren. Und la bouche ist der Mund. Es ist ein Häppchen vorweg. Ein Versprechen für ein leckeres Essen. „Les Bouches de l’Elbe“ sind die Münder der Elbe, die Elbmündung. Das Elbgeflüster.

Das gehört noch zu meinem letzten Blogeintrag, ich hatte es nicht erklärt.

Ich komme am 2.10 in Harburg an, es ist kalt und dunkel. Dies ist die offizielle Übergabe der Stadtschreiberin vom Schmidt-Theater in den Kulturhafen. Es regnet, das Gebäude ist kalt. Ich gucke mir die Räume an, das alte Kapitänszimmer. Da darf ich meinen Arbeitsplatz einrichten. Ja, überlege ich, aber nicht bevor die Heizung läuft und der Kühlschrank voll ist.

Ich bekomme einige Zweifel, hier südlich der Elbe. Ich friere und bin ein bisschen schlecht gelaunt, weil ich Hunger habe.

Am Donnerstag, dem 10.10, ist mein richtiger Einstieg in die Kulturwerkstatt. Ja, ich weiß, der Monat hat schon längst angefangen, aber ich musste noch kurz nach Aachen, gucken, was die Familie so macht. Am Mittwoch hat Sébastien mich im Auto von Aachen wieder nach Hamburg mitgenommen.

Sébastien ist ein ruhiger, gemütlicher Franzose aus Nantes. Er trägt Rasta-Locken, kennt sich phänomenal mit Musik und Konzerten aus und hat ein unfassbar ausgebreitetes Wissen über Rotwein, Champagner und Rum. Die Fahrt fühlte sich an wie ein Ausflug in die Burgund, in die Normandie, über den Felsenstrand voller Meeresfrüchte, über die Atlantikküste, bis zu den Châteaux de la Loire. Der Bourgogne wird super dieses Jahr, und der Beaujolais, nun ja, der Neue ist nur Marketing, das weiß ja jeder.

Wir kommen in Hamburg an und es ist fast Mitternacht, ich habe Hunger und total Lust auf einen Franzosen aus der Côte de Nuits. 

Donnerstagmorgen nehme ich voller Tatendrang die S-Bahn und fahre nach Harburg. Es ist fast Mittag, ich mache nicht den gleichen Fehler wie letztes Mal, diesmal werde ich zuerst etwas essen. Ich spaziere Richtung Kulturwerkstatt und gehe auf dem Weg noch kurz ins Shukria-Restaurant hinein, in der Lämmertwiete. Wie sollen um Shivas Willen die Inder, die dieses Restaurant betreiben, so eine Adresse aussprechen? Nun, sie kochen gut und scheinen sich dort wohl zu fühlen. Ich auch. Nach dem Essen freue ich mich auf das schöne Hafengebäude.

Komisch ist, dass man kaum etwas begeistertes über Harburg hört. Ich frage einen Mitvierziger auf einem Zebrastreifen.

  • „Wo kommen Sie her und was halten Sie von Harburg?“. 
  • äiamoi, aus Bayern, es ist schrääcklich hier“.

Zeit, diese Stadt zu untersuchen. 

Sie hat schon mal zehn neue Polizisten. Braucht man die? Sie sollen aufpassen, dass keine Zigaretten weggeworfen werdenhaben ihre Erfahrung als Koch, Soldat oder Seemann gesammelt und werden in Harburg der lokalen Präsenz angegliedert, wie die online-Zeitung Harburg-aktuell mitteilt.

Es gibt viele Baustellen, es gibt viel Verkehr, der aber jetzt flotter werden soll, viele Grüße von der Wilhelmsburger Reichsstraße, das hätten wir. 

Der Hafen ist schön, und nicht so überlaufen wie in Hamburg. Frische Luft, viel grün, viel Freiraum. Aber kein Wunder, er ist weit weg von der Fußgängerzone, vom Einkaufzentrum. Man ist hier für sich. Die Kulturwerkstatt ist verlassen, ich bin dort, sehe aber keinen. Es liegen viele Prospekte aus, also genug kulturelle Angebote. Ich habe das Gefühl, dass man hier zwar viele Möglichkeiten hat, dass aber einiges bei der Bevölkerung nicht ankommt. 

Es ist wie wenn eine Gruppe von Leuten einkaufen geht, sie besorgen die besten Zutaten, legen alles auf den Tisch und haben keine Ahnung, wie es nun weiter gehen soll. 

Sie fangen an, hier und da etwas rauszupicken, ärgern sich, dass sie aus dem Rest nichts mehr machen können, haben keine Lust mehr. Das Ganze verkommt. 

Döner ist keine Lösung, sorry. Ich bin mal nachts durch die Straßen gelaufen und habe beobachtet, wie das Fleisch angeliefert wird. die Heckklappe des LKWs geht auf, Wolken kalter Luft strömen wie Nebel durch die Straße. Unbekannte schultern schweigend das Fleisch, schwere, mannshohe Klumpen fest in weißer Plastikfolie gewickelt.

Das perfekte Verbrechen.

Auf dem Rückweg gehe ich noch kurz beim Thailänder im Sand rein, es regnet total und ich will einfach einen Tee. Es ist schön warm dort, die Bedienung ist super nett und lächelt, bringt mir den Tee und noch etwas unglaublich leckeres zu essen, ich weiß nicht mehr, wie es heißt, es ist gerade scharf genug, hat fröhliche frische Farben, ist knackig und kommt nicht vom Tier. Gut, beschließe ich, es läuft. Man hat leckere Restaurants hier, freundliche Menschen, zehn neue Polizisten.

 Ich werde mich hier schon amüsieren.



Amuse-Bouche

hamburger gast 2019 Posted on Fr, Oktober 11, 2019 11:56:36

Es gibt eine Stadt im Sumpf, sie wird Horeburg genannt. Hore bedeutet Sumpf oder Moor. Die Stadt lebt davon, dass sie an einem Flussarm einen Hafen hat und einen gut funktionierenden Fährbetrieb. Sie wurde ziemlich ausgebeutet, sowohl von Hamburg wie auch von Lübeck. Und von Napoleon.

Der hat dafür gesorgt, dass in nur 100 Tagen die erste Brücke von Harburg nach Wilhelmsburg errichtet wurde. Diese Brücke hat für einen wirtschaftlichen Aufschwung gesorgt. Aber ohne Weiteres geht so etwas natürlich nicht. Es wurden hohe Abgaben verlangt, es gab Zwangsausweisungen und Zwangsarbeitseinsätze.

Ich forsche gerade, was mir in Harburg erwartet, denn da werde ich diesen Monat meinen Schreibplatz haben. Ich gehe raus und spaziere im Wind, im Regen, im strahlenden Herbstlicht, perfekt für Fotos, über die Deiche. 

Es gibt viele Bauprojekte, einige leerstehende Häuser, eine Rollbrücke, einen Hafenkran. Es gibt Rosi und ihre Kneipe, das Harburger Fährhaus, das schon im 19. Jahrhundert ein berühmtes Ausflugsziel war. 

Also der Hafen war gut für den Fährbetrieb. Und gab es auch Industrie? Beim Herumspazieren fällt mir auf, es ging hier vor allem um Gummi und Öl. 

Ab 1806 gehörte Harburg zu Preußen und diente als Hafen für Hannover, aber Hannover kapitulierte kurz danach. Dafür durfte Harburg sich ab dem 1. Januar 1811 zum Département des Bouches de l’Elbe zählen. Wie schade, dass es den Namen nicht mehr so gibt. Dort wäre ich gerne hingefahren. Les Bouches de l’Elbe, ich denke an flanierende Damen mit Hut und Herren mit Spazierstock, die Landschaft ist schön, die Elbe ruhig, es gibt Deiche und Boote, Monet reibt sich die Hände. 

Mir fällt auf, dass es wenig Leute auf der Straße gibt, komisch für einen Donnerstagnachmittag. Wenig Geschäfte, viele Gaststätten. Wo sind die Bewohner hin? Fährt hier jeder nach Hamburg?

Hamburg wurde 1806 von Frankreich besetzt und die Kontinentalsperre wurde aufgelegt. Es gab keine Verbindung mit England mehr, der Handel kam zum Erliegen.

Die Stadt litt unter der französischen Besatzung. Es wurden komplette Gegenden abgebrannt, wie auf dem “Hamburger Berg” um für freie Sicht zu sorgen. Auch die Glacis erzählen etwas über die freie Schussbahn. Napoleon hatte das Silberdepot der Hamburger Bank beschlagnahmt: „Ich ziehe es vor, die Hamburger zahlen zu lassen. Das ist die beste Art, Kaufleute zu bestrafen“ so der große Franzose, der für seine Gradlinigkeit und brillante Strategie berühmt war. 

Hamburg verlor einen großen Teil der Bevölkerung und das ganze Stadtbild wurde umgestellt, die Kirchen wurden zu Stallungen und Zeughäusern umfunktioniert. In Zeughäusern werden keine Kinder gezeugt, sondern das Wort hat etwas mit dem “Zeugs” zu tun, Munition und sonstiges wurde dort gelagert.

So ist es nicht verwunderlich, dass die Innovationen der französischen Herrschaft nach der Beendung davon wieder rückgängig gemacht wurden. Der Code Civil und die damit verbundene juristische Gleichstellung aller Bürger wurde aufgehoben, die alte Ständeordnung trat wieder in Kraft. Die Verwaltung der Franzosen, die sehr effizient war, wurde abgeschafft. Und die Infrastruktur? Der hölzerne Bohlenweg von Hamburg über die Elbinsel Wilhelmsburg nach Harburg wurde abgerissen; die von den Franzosen gebauten Straßen wurden vernachlässigt. 

In keiner anderen deutschen Stadt verlieren Verkehrsteilnehmer mehr Zeit im Stau als in Hamburg, jammert die Welt. Und dann wird Stefan Aust ganz poetisch: Hamburg nennt sich gerne “Tor zur Welt”. Doch die Pforten der Hansestadt ächzen seit Jahrzehnten in ihren Angeln, öffnen sich für Stunden nur spaltbreit – und oft genug gar nicht mehr.

Es gefällt mir, wie er das beschreibt. Man sieht so richtig die Burg dort am Wasser, mit den Toren nur einen Spalt auf. Der Bau neuer Autobahnen, so weiß die Welt, wird von terrorisierenden Hasel- und Fledermäusen verhindert.

Napoleon, der auf der verlassenen vulkanischen Südatlantik-Insel Santa Helena letztendlich den Löffel abgab, kam erst 17 Jahre später auf seine gewünschte letzte Ruhestätte an den Ufern der Seine. Er liegt dort ruhig in Paris im Invalidendom und dreht sich in seinem Grab einfach noch mal um.



Weiter »