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Hamburger Gast

Äpfel klauen

hamburger gast 2019 Posted on Fr, September 13, 2019 21:54:19

Ich war im Theaterstück “Tschüssikowski”. Ich bin dahin mit dem Fahrrad, in einem heftigen Regenschauer über den Kiez, mit Gummistiefeln und einem Regenmantel an. In der Garderobe des Schmidt-Theaters konnte ich mich umziehen.

Ich weiß, der Titel hört sich total bescheuert an.

Aber das Stück war richtig gut. Es fing auch im strömenden Regen an, ich dachte kurz, ich sollte wieder meine Gummistiefel anziehen.

Das Thema des Stückes ist einfach, die Umsetzung von höchster Professionalität. Die Musik macht richtig gute Laune, die Tänzer sind sexy und das Spiel schnell, die Schauspieler haben mehrmals die Rollen gewechselt und sind völlig überzeugend in immer anderen Outfits gekommen, sie wurden sogar zum Tier auf der Bühne.

Man fühlt sich als Publikum ernst genommen, wenn die höchste Qualität geboten wird, wenn jeder mitten in diesem rasanten Stück voll dabei sein kann.

Da ich nie so richtig verstehe, wie das mit der Musik und den Texten, mit dem Licht und den Nebelschwaden alles so klappt, bin ich hochgegangen und habe bei den Technikern geschaut, ob sie alles im Griff haben. Hier entsteht die Magie!

Licht, Klang, alle Mikros perfekt eingestellt. Alles ist auf die Sekunde getaktet, es lief perfekt. Ich denke, dies wäre nicht mein Job, all diese Anzeigen, Knöpfe und Schieber, ich habe höchsten Respekt für diese Künstler.

Am nächsten Morgen treffe ich Kai, einen Arbeitskollegen, der es endlich geschafft hat, Hamburg zu besuchen. Mit ihm ziehe ich durch die Schanze, ich erzähle jetzt nicht in welchen Kaffeehäusern wir waren, denn so langsam reicht es mit dem Kaffee, nur das: wir zitterten nach unserer Runde.

 Kai meinte, ich sollte unbedingt einige Kiez-Führungen machen, er hätte Sachen erfahren, die hat er nicht für möglich gehalten.

Ja, das finde ich eine gute Idee. Wenn man eine Stadtführung macht, lernt man einiges dazu. Meine erste Stadtführung kam heute zufällig. Ich treffe mich mit Liv und Zoe, zwei Schülerinnen, die als Schulprojekt “die Stadtschreiberin” haben, auf dem Rathausplatz. Im Rathaus kann man nicht wirklich herumlaufen heute, denn es gibt dort eine Veranstaltung. Von der Körber-Stiftung. Keiner kann uns hier jedoch sagen, was die Körber-Stiftung genau ist (ja, die sagt mir schon irgendwas…) und warum die mit ihrer Preisausreichung das ganze Rathaus in Beschlag nimmt.

Also: der Körber-Preis gilt als einer der höchstdotierten Wissenschaftspreise der Welt: Bernhard Schölkopf hat ihn in Hamburg bekommen – eine Million Euro. Er ist aus Tübingen, ist Physiker, Mathematiker und Informatiker, forscht gerade zur künstlichen Intelligenz.

1959 hat Kurt A. Körber diese Stiftung ins Leben gerufen.

Die haben also Jubiläum dieses Jahr.

Wir laufen über den Platz und Tilman fragt, ob wir bei der Stadtführung mitmachen. Das tun wir. Ich werde nicht den ganzen Spaziergang beschreiben, fragen Sie Tilman, er kennt sich unglaublich gut aus, aber eins hat mich umgehauen. Es gibt Ebbe und Flut in Hamburg. Die Hanseaten verdrehen jetzt die Augen und schütteln den Kopf über so viel Ignoranz, aber das hatte ich bis jetzt nicht gemerkt. Heute um 12:14 war Niedrigwasser, es entsteht ein Wattenmeer mitten in der Stadt. Bei Hochwasser kann man auf einer Terrasse am Wasser sitzen und die Wellen im Wind beobachten.

Es ist ein sonniger Septembertag, die Alsterfontäne zeigt ihren schönsten Regenbogen, die Leute sitzen leichtbekleidet auf den Stufen und gucken übers Wasser. Ich sage nicht Tschüssikowski, ich sage, hier bleibe ich. Hier mache ich Urlaub. Jeden Tag, zwischen den Terminen durch. Hier ist die frische Luft, hier sind die rauschenden Bäumen, die Wassertropfen in Regenbogenfarben. Hier kann man segeln wie in Zürich, flanieren wie in Wien, man bekommt keine Schokolade wie in Brüssel. Hier ist Café Paris, mit feschen Kellnern. Hier gibt es sympathische Polizisten, die sich mit der Polizeikapelle vor dem Rathaus hinstellen und ein Ständchen geben.

Und wenn man Urlaub machen möchte, weg aus dem Trubel? Dann ab ins Alte Land. Mit dem Fahrrad, Äpfel pflücken. Wenn es ein schönes Altweiberwochenende ist und ab Freitagmittag der Hauptbahnhof ganze Gruppen herausschickt, die die gleichen Shirts anhaben. Hütchen auf oder Glitzerherzchen auf der Backe. Wenn immer mehr Junggesellen durch die Innenstadt ziehen, um sich von ihrer sorgenfreien Jugend zu verabschieden und man schon weiß, es wird nicht schöner heute.

Wenn die Cruise Days Schiffe anlocken, die die Luft verändern, so dass man denkt, man sitzt im Schmidt, und der Bühnentechniker Frank schmeißt die Nebelanlage an. Dann sollte man Urlaub machen im Alten Land. Man kann dort auch die Containerschiffe beobachten, die über die Elbe fahren. Die Kreuzfahrtschiffe. Äpfel essen in der Septembersonne.



Alles auf Anfang

hamburger gast 2019 Posted on Do, September 12, 2019 15:12:00

“Ich bin der Mike. Ich wurde gerade aus dem Krankenhaus entlassen. Ich rauch nicht mehr, trinke nicht mehr, nehme keine Drogen mehr. Ich bin total clean und es geht mir gut. Nur die Freunde lassen mich jetzt im Stich. Ich habe meine Freunde nicht mehr. Aber Ich werde neue Freunde finden, welche, die es ertragen können, dass ich keine Drogen mehr nehme”.

Überrumpelt sehe ich den hageren Mann vor mir an. “Komm vorbei”, sage ich ihm, “erzähl mir die Geschichte”.

Wenn jemand plötzlich vor mir auf der Straße steht und etwas erzählen will, hat er eine Geschichte, er läuft von seiner Geschichte nur so über. Ich verabrede mich mit ihm, dass wir uns auf dem Schiff treffen werden, wir werden einfach eine Runde durch den Hafen fahren. Internationale Gewässer, sage ich. Er ist einverstanden.

Marisa ist Lehrerin in der Sprachenschule. Sie spricht laut und lacht wie ein Glockenturm. Ihre Nase ist groß und breit, ihre Augen sprühen Funken. An den Tagen, an denen sie keinen Unterricht gibt, geht sie durch den Kiez, setzt sich in ihr Lieblingscafé auf die Terrasse und flirtet mit dem Kellner. Er ist groß und schwer, arbeitet hart, ist abweisend. Marisa findet ihn unwiderstehlich, vor allem, wenn die Mittagsschicht fast zuende ist, nur noch einige Gäste mit einem Glas in der Sonne sitzen und er verschwitzt und erschöpft ist. Langsam trinkt sie ihren kühlen Weißwein und beobachtet seine Bewegungen. Was für ein Mann. Sie gibt ihm Trinkgeld. Sie lächelt ihn an.

Seine schwarzen Augen stechen, er streicht die verschwitzten Haare aus der Stirn nach hinten und bedankt sich kurz. Marisa schaut seinen breiten Rücken nach, bis er in die Küche verschwunden ist. Sie steht auf und verlässt die Terrasse des Lokals, leicht, zufrieden.

Ich treffe mich mit Marisa einen Häuserblock weiter, beim Italiener. Sie erzählt mir von ihm. Von dem Kellner, den sie begehrt. Wie er sie anzieht, weil er so abweisend ist.

Sie liebt es, wenn ein Mann hart arbeitet. Wenn er sich konzentriert. Wenn er weiß, was er tut und sich bei seiner Arbeit nicht ablenken lässt. Sie wünschte sich, sie hätte so einen Mann. Einer der weiß, worum es geht. Nicht so einer, der es ihr immer Recht machen will. Der ihr wie ein Diener hinterher läuft und seine Meinung ständig ändert, aus Angst, sie wäre nicht einverstanden. Sie habe gerade so einen am Start, und wäre sehr enttäuscht. Je mehr er ihr die Welt zu Füßen legen würde, um so mehr würde sie ihn verachten. Sie trinkt den Wein leer.

Ein Mann, so entscheidet sie, muss führen.

Nicht rücksichtslos und über Leichen gehend wie der Vater von Mike, der goldene Kettchen trägt und mit Oberlippenbart Jaguar fährt, der ein großes Hotel führt, nein, so rücksichtslos soll er nicht führen, aber führen schon.

Sie war gestern auf der Suche nach dem Gitarrenspieler mit den blauen Augen, der aus der Stadt verschwunden ist. Er hat langes, schwarzes Haar. Er spielt leidenschaftlich Gitarre und singt ein trauriges Lied. Seine tiefblauen Augen leuchten aus dem dunklen Gesicht heraus. Sie will ihn fragen, ob er bei ihr im Garten spielen möchte. Sie ist einsam und sehnt sich nach trauriger Musik und dunkelrotem Wein.

Die Wirtin heißt Guiletta, sie läuft hüftwiegend über die Terrasse, klatscht sich tanzend in die Hände. Ihr Rock spannt sich um den breiten Hintern, man sieht ihre Strumpfhalter. Sie lacht und hat eine Blume im Haar. Sie wird 68 heute und tanzt. Ob wir heute Abend mit ihr feiern wollen?

Ob sie den Gitarrenspieler kennt, ob sie weiß, wo er hin ist? Sie lacht und wiegt mit dem Kopf hin und her, wie es Inder tun. Sie nimmt die Bestellung auf.

Marisa trinkt Wein. Mein Sohn ist schon erwachsen, sagt sie. Er hat sich vom Vater nicht akzeptiert gefühlt. Er hat etwas mit Drogen zu tun. Sie weiß nicht, wo er sich im Moment befindet. Er hat früher immer im Garten gespielt. Ich treffe ihn, sage ich. Er ist gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden. Er heißt Mike, sagt sie, ich weiß.

Ich treffe mich mit ihm auf dem Schiff.

Ich treffe mich mit ihm, sag ich. Die Wirtin nickt, sie kennt ihn auch. Es geht ihm gut. Er ist wieder aus der Klinik raus. Der Mike.

Café Stark ist neben Suicycle, dem Laden, wo man mein Fahrrad repariert hat. Wo ich das Rad abgegeben hatte, quietschend und mit einer Acht im Hinterrad, und es am gleichen Tag wieder abholen konnte, geölt, völlig rund laufend, sie haben jede Speiche wieder angezogen und es fährt sich wie neu. So etwas gefällt mir, geschickte Jungs mit gutem Material, die mein Fahrrad wieder reparieren, schnell und fachmännisch. Die mir das Gefühl geben, wieder leicht und sicher durch die Stadt fahren zu können, in einer geraden Linie und ohne dass die ganze Kraft verloren geht.

In dem Café nebenan, wo man die nettesten Leute der Straße treffen kann, feiert Guiletta abends ihren 68-en Geburtstag. Dort ist gute Musik, es wirbelt eine fröhliche und herzliche Bedienung durch den Laden, ich fühle mich wie auf einer Party im Wohnzimmer. Guiletta wiegt die Hüften, wir trinken Wein, Marisa weint. Gino, der jüngste Sohn von Guiletta, spielt Gitarre. Er hat tiefblaue Augen und singt ein trauriges Lied. Er studiert Medizin in Estland und ist zum Geburtstag seiner Mutter nach Hause gekommen.

Ich werde Mike Grüße von seiner Mutter rüberbringen. Und dass sie sich freut, dass er clean ist. Dass sie ihn sehr liebt. Total glücklich wäre, wenn er nach Hause käme, auch wenn sie weiß, dass er nicht mehr im Garten spielen wird.

Sie könnten auch einen Kaffee trinken gehen, im Stark oder so. In der Wohlwillstraße.

Der Name ist gut. Dort ist es egal, wenn man keine einzige gerade Linie im Leben gegangen ist.

Das Leben läuft nicht immer rund, wie mein Fahrrad, manchmal hat das Rad eine Acht oder die Speichen müssen nachgezogen werden. Es fehlt Öl. Die Luft ist raus. Es geht darum, manchmal einfach von Null auf wieder anzufangen. Etwas zu reparieren. Das braucht Zeit, aber man ist damit nicht alleine, es gibt immer Menschen, die einem zur Seite stehen.

Das Leben ist nicht gerade, aber das ist nicht schlimm.

Was zählt ist die Menschlichkeit.



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