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Hamburger Gast

Trolltreppe

hamburger gast 2018 Posted on Mo, Oktober 08, 2018 16:11:11

Die Rolltreppe, die vom S-Bahn-Gleis an den Landungsbrücken hinauf führt, ist kaputt, und man hat selten so erschöpfte Menschen gesehen wie die, die sie trotzdem erklimmen, die unzählige Stufen überwinden und ungemein hoch aufragende Empörung ob des ungeheuerlichen Mangels an undenkbarem Komfort.



Harburg Sparburg

hamburger gast 2018 Posted on Mi, Oktober 03, 2018 19:14:58

War gerade in Harburg angekommen, erstmals in Harburg angekommen, ohne gleich weiter zu wollen, ohne also Harburg als Umsteige- oder Durchgangsbahnhof zu benutzen (worunter, da kann man mir erzählen, was man will, Harburg auch leidet, wie jede Durchgangsstation leidet, die Fassaden bekommen dadurch etwas Vages, verwischt vom achtlosen Blick einer Unzahl Reisender, ich kenne das aus München-Pasing, aus Berlin Gesundbrunnen, aus Kassel-Wilhelmshöhe), stand also festen Fußes auf dem Harburger Gleis und sah mich um und versuchte, in eine Harburger Stimmung zu kommen und nebenbei herauszufinden, was das wohl sei, als mich ein Mann ansprach: Ein Mann mit beiger Hose, knallrotem Pullover und grauem, fein gestutztem Schnurrbart, ein Mann mit wenigem, aber sorgsam gescheiteltem Haar, glatten Wangen und spitzem Mund. Er beugte sich zu mir und fragte leise, mit höflich gehobenen Augenbrauen: „Entschuldigung. Kleingeld? Vielleicht?“ Ich, verdattert, konnte nur den Kopf schütteln, und er nickte daraufhin, als gleiche er routiniert meine Unhöflichkeit aus, nickte und schmunzelte: „Selbstverständlich.“ Und ging.

Vom Gleis habe ich es dann doch noch geschafft und bin nun also in der Harburger Kulturwerkstatt, wo es guten Kaffee und tolle Räume gibt, einen Apothekenschrank und ein interessantes Programm, und wo vor der Tür ein Dreimaster ankert. Auf dem Hinweg halte ich nun immer ein paar Münzen griffbereit.



Sand Pauli

hamburger gast 2018 Posted on Mi, September 26, 2018 13:02:05

„Nächster Halt: Sand Pauli“, sagt die freundliche Frauenstimme der Bahn. Jeden Tag sagt sie’s, oder ich versteh’s zumindest jeden Tag. Es ist wie eines dieser Bilder, die zugleich eine Vase darstellen könnten oder zwei einander anblickende Gesichter, und wenn man einmal die Gesichter sieht, kann man die Vase nicht mehr sehen, und umgekehrt. Nur, dass in diesem Fall niemand außer mir die Vase sieht beziehungsweise „Sand Pauli“ versteht, zumindest zuckt niemand in der ganzen U-Bahn auch nur mit der Wimper, während ich sofort grenzdebil zu grinsen beginne, türmen sich doch vor meinem inneren Auge die tanzenden Türme aus Staub. Wird die Meile zur Wüste, hängen an den Palmen auf dem Spielbudenplatz plötzlich Datteln, ziehen Kiezkamele die Reeperbahn entlang und verschleiern sich die Frauen an den Ecken zu verführerischen Tänzerinnen aus tausendundeiner Nacht. Die Buden sind nunmehr Dünen, aus frohlockenden Freiern werden baggernde Beduinen, die Kneipen wären Oasen und es gäbe erfreulich viele davon. Schließlich striche einem warmer Wind durchs Gesicht, kaum dass man die Straße betreten hätte, die außerdem keine Straße mehr wäre sondern ein Pfad, den es in sengender Hitze entlangzustapfen gelte, weil das nun einmal der Weg sei, den ein wackerer Wüstenwanderer zu beschreiten hätte, wollte er je die endlose Dürre durchqueren, an deren Ende Reichtümer warteten, weitere Abenteuer zumindest, schlimmstenfalls ein kühles Helles, goldgelb wie Sand Pauli selbst.



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