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Hamburger Gast

Tschüs

hamburger gast 2019 Posted on Fr, November 29, 2019 17:30:14

Moin Hamburg! Die Stadtschreiberin sagt Tschüs!

Ich zitiere Ludwig, der mir geschrieben hat und auch bei der Abschlusslesung in den Bücherhallen war:

Nicht „a dios“, sondern „adieu“, also nicht das spanische, sondern das französische „zu Gott“, oder „Gott befohlen“ steht hinter dem „Tschüss“.
Zuerst im Niederdeutschen üblich (15. Jhdt), die den französischen Gruß in falschen Phonetik „adjuus“, auch „adschös, adtschüs, adtsches“ und schließlich unter Weglassung des „a“ „Tschüss“ aussprachen. Dort sagt man ja auch „Tschurnal“ und „Tschurnalist“.

Es war eine sehr schöne, interessante Zeit in Hamburg mit vielen neuen Erfahrungen und tollen Menschen, die ich kennenlernen durfte. Mein herzlichstes Dankeschön geht an die Organisatoren von dem Verein Hamburger Gast, Ella und Huug, an Heidi, Ulf und Lisa, dieses starke Team.  Ich bin dankbar für die Schreiborte, die mir diesen Aufenthalt ermöglicht haben, das Bergedorfer Schloss, das Schmidttheater, die Harburger Kulturwerkstatt und die Bücherhallen der Zentralbibliothek. Und ich danke dem Verein Freiraum, der es mir ermöglicht hat im phantastischen Vorwerkstift zu wohnen.  

Ganz so am Ende bin ich jedoch nicht, Sie finden mich weiterhin auf www.stadtschreiberin.de.

Und falls Sie bald bei Zeitschriftenhändler eine “Stadtschreiberin-Zeitung” finden, haben Sie gleich die ganzen Blogeinträge in Druckformat. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen damit.

Schön, dass wir uns kennengelernt haben. Vielen Dank für die lieben Worte, die kreative Unterstützung und die vielen Hinweise. 

An alle Leute, die mir begegnet sind und mich einfach gelassen haben: ganz vielen Dank für die Gastfreundschaft. Ohne die Energie der Leser kann kein Text entstehen.

Bis bald! Katelijne 



Wenn die Chemie stimmt

hamburger gast 2019 Posted on Mi, November 27, 2019 12:38:42

“Hier ist ein Artikel für Sie, ich habe ihn gerade ausgedruckt”, so Karsten, als er mich in der Bücherhalle begrüßt. Er gibt mir einen Zettel. Es ist ein Bericht von einem Hamburger Apotheker und Alchemist, der im späten 17. Jahrhundert lebte. Er hieß Henning Brand, war Soldat, benutzte den Titel eines Dr. med., auch wenn er kein Latein konnte und daher wahrscheinlich kein Mediziner war. Er war schon ein begeisterter Chemiker. Für seine alchemistischen Experimente hat er das Vermögen seiner Frau komplett aufgebraucht.

Dann handelte er mit Chemikalien und Medikamente, wohl aus Geldnot. Er war leidenschaftlich. Er war risikobereit, vor allem mit dem Vermögen anderer. Er war gewieft, er war Hanseat.

Wissen Sie, was Herr Brand entdeckt hat? Sie können das Experiment einfach mal nachstellen. Erhitzen Sie Urin, lassen Sie es zu einem schwarzen Rückstand eintrocknen und dann mehrere Monate stehen. Jetzt erhitzen Sie ihn nochmal, erst langsam, dann auf hoher Temperatur, bevor Sie ihn destillieren. Was entsteht? Phosphor.

Der Phosphor schlägt sich in Wasser als weiße, wachsartige Substanz nieder. Seien Sie jedoch zu jeder Zeit äußerst vorsichtig, dieser Stoff kann sich entzünden.

So wurde das erste Element in der Chemiegeschichte der Neuzeit in Hamburg entdeckt. Es brauchte einen Namen. Brand nannte es kaltes Feuer, oder phosporus, was auf Griechisch Lichtträger heißt.

Was macht ein hanseatischer Wissenschaftler, wenn er so etwas entdeckt hat? Er legt es nicht auf den Speicher, er verfasst keine Enzyklopädie, er lässt es nicht in einer Ecke vergammeln. Er verkriecht sich nicht in seine Werkstatt. Er rückt damit raus, geht an die Öffentlichkeit mit Demonstrationen und Verkauf des Stoffes und verdient richtig Geld. 

Ich freue mich, auf eine so nette Art noch etwas vom Chemieunterricht nachholen zu können. Hätte ich damals einen Lehrer wie Karsten an der Schule gehabt, hätte ich vielleicht etwas von Chemie verstanden. Es geht darum, Begeisterung zu wecken. 

Gerade läuft eine Schulklasse durch die Bibliothek, ich schätze, die 8. Klasse, ungefähr 13 Jahre alt sind die Kinder. Eine wilde, laute Gruppe, die sich um den Automaten mit Schulsachen sammelt, denn alle haben etwas vergessen, Radiergummi, Haftzettel, Stifte. Sie lachen, schubsen sich, haben die Mobiltelefone in den Hosentaschen und die Bücher unterm Arm.

Ich würde sie gerne mal fragen, ob sie schon Chemie in der Schule haben, und wie es ihnen gefällt, ob sie überhaupt wissen, was sie da lernen, um was es geht. Ich sehe mir im Internet Klassenarbeiten der 8. Klasse Chemie an. Ja genau, hier sind die Basics. Man sollte sich immer mal wieder mit diesen Grundlagen beschäftigen, man versteht die Welt, wenn die Chemie stimmt.

Es gibt natürlich auch Physik, Mathematik. Ich habe immer behauptet, ich hätte eher ein Sprachentalent, interessiere mich nicht sehr für Chemie und Physik. Das war nicht richtig, wie ich jetzt feststellen muss. Wenn man etwas gut kann, soll das keine Ausrede sein, etwas anderes einfach nicht zu lernen. Gut, die Lehrer waren natürlich Schuld. Aber vielleicht steige ich einfach wieder ein, die Vorgaben der achten Klasse sind perfekt. Bald bin ich wieder in Aachen, dann kann ich mich mit meinem jüngsten Sohn darüber unterhalten. Mal sehen, wie weit ich komme. Mir bleibt nur wenig Zeit, mich vorzubereiten. Ich habe das Gefühl, bald abgezockt zu werden.

Als ich eben durch die Stadt lief, um etwas zu essen zu suchen, sah ich eine Schafherde auf der Steinstraße. Kurz überlegte ich, hier wäre schon eine Weihnachtskrippe aufgebaut, mit lebendigen Tieren, auch wenn vor zwei Wochen eine Demo für mehr Tierrechte durch die Stadt gezogen ist. Die Installation einer lebendigen Weihnachtskrippe könnte Kunst sein. Vielleicht ein rebellischer Akt gegen die Kunststoffdekorationen überall. Sagen Sie nein zu Wegwerfartikeln, nehmen Sie Tiere.

In Leuven, mitten in Belgien, wird jedes Jahr ein Stall mit echten Tieren auf dem Marktplatz aufgebaut, sie scheinen sich dort ziemlich wohl zu fühlen im Stroh. Sie sehen die Besucher neugierig kauend an, ich habe nicht das Gefühl, sie seien besonders gestresst. Aber man muss hier aufpassen, was man sagt, Tierrechtler können gnadenlos sein. Wenn man Schafe zur Schau stellt, haben wir bald die nächste #mähtoo Kampagne.

Nun, hier in Hamburg waren es natürlich keine echten Schafe, dort auf der Terrasse. Ich hatte einfach die Brille nicht auf, es waren Stühle mit Schafsfellen. Ja! Echte Felle! Ich weiß. Ich halte mich da raus. Ich esse keine Tiere. Aber ich trinke in der Rösterei Coffeum einen fairen Biokaffee, frisch geröstet und heiß serviert, das schon. Wenigstens hat man hier nicht den penetranten Geruch der Bratwürste wie auf der Mönckebergstraße.

In Kaffee befinden sich mehr als 1.000 verschiedene Substanzen: 80 verschiedene Säuren, ca. 800 Aromastoffe, Mineralien, Koffein. Chemisch entschlüsselt ist davon nur ein ganz kleiner Teil. Das heißt, Kaffee bleibt mysteriös, der Stoff kann noch nicht nachgebaut werden, er überrascht uns immer wieder, denn das Aroma und seine Wirkung hängen natürlich davon ab, wo er wächst und wie er verarbeitet wird. 

Hier ist noch richtige Forschungsarbeit für angehende Chemiker.



Feinspitz

hamburger gast 2019 Posted on Fr, November 22, 2019 13:51:15

Ob ich den Ohlsdorfer Friedhof kenne? So fragt mich Joachim in der Bücherhalle. Ja, theoretisch schon. Aber ich war noch nicht dort, ich habe nur davon gelesen, dort findet man RosengrabstättenBaumgräber, den Garten der Frauen, den Schmetterlingsgarten, einen Wildblumengarten. Sogar einen Naturlernpfad

Na also. Den sollte ich unbedingt besuchen, so meint er. Gut, es regnet, die Luft ist grau und neblig, die Leute in der S-Bahn heute morgen sprudelten nicht gerade vor Lebenslust. In 100 Jahren sind wir alle Staub. Was ist wichtig? Vielleicht fahre ich später zum Friedhof, mal gucken, wer dort so alles ruht. Ich kann einen Gruß aus der Stadt rüberbringen, es ist der richtige Monat dazu.

Haben die Leute, die da beerdigt sind, Geheimnisse in Schachteln gepackt und auf dem Dachboden versteckt?

Haben sie auf den Landungsbrücken gestanden und über die Elbe geschaut? Sind sie über den Jungfernstieg spazieren gegangen? Haben Sie auf der Bank bei der Lombardsbrücke in der Sonne gesessen? Haben sie die Kunsthalle besucht? Tee in den Vier Jahreszeiten getrunken? Haben sie im Alsterhaus eingekauft? Sich in der dunkelsten Zeit des Jahres in der Wäscheabteilung beraten lassen und gerade das Teil gekauft, das nicht vernünftig und warm, dafür aber unwiderstehlich schön war?

Das ist unwiderstehlich schön, sagt die Dame in der Wäscheabteilung vom Alsterhaus, als ich nach einem bestimmten Kleidungsstück frage. Sie wird mal schnell nachschauen, ob es vorrätig ist, es ist nicht sehr geläufig. Diese Woche noch hatte sie eine Kundin, die den gleichen Wunsch hatte. Auch wenn es ungewohnt ist, sieht es sehr gut aus.

Sie findet das Teil, ich vertraue ihrer Erfahrung und gehe in die Umkleidekabine. Hm. Der Spiegel ist schon sehr nah. Aber das Licht ist sanft. Sie kommt dazu und hilft mir mit dem Verschluss. Geht doch babyleicht, sehen Sie.

Genau. Hier stehe ich dann mit der Verkäuferin in der Umkleidekabine und ich denke, weniger is mehr.

Ich sollte mal wieder in der Kunsthalle vorbeischauen, so Dr. Alexander Klar. Er sitzt neben mir beim Mittagessen und erzählt über seine Arbeit. Vorher war er Museumsdirektor in Wiesbaden, jetzt künstlerischer und wissenschaftlicher Leiter in Hamburg. Ich kenne ihn, ich war dabei, als er im Sommer seine Eröffnungsrede gehalten hatte, zum 150. Geburtstag der Kunsthalle, es war an einem sehr heißen Augustabend, ich habe mich dort mit Heidi getroffen und wir haben gebannt seiner feierlichen Worte gelauscht. 

Heute Abend bin ich mit meiner Freundin Christiane unterwegs, sie ist Germanistin, vielleicht wird sie mich mit dem Lektorat meiner Texte unterstützen, denn es schleichen sich immer mal wieder Schreibfehler ein. Sie ist in Hamburg zu Besuch, weil sie an einem Forschungsprojekt zur digitalen Zukunft von Innenstädten teilnimmt. Wir gehen zum Café Stark und kommen mit Andreas und Werner ins Gespräch.

Andreas ist Schriftsteller aus der Schweiz, Werner ist Literaturwissenschaftler. Sie arbeiten schon viele Jahre zusammen. Sie finden, dass eine Bibliothek zwar toll für fertige Bücher ist, aber dort den ganzen Tag zu sitzen, ist irgendwie nicht produktiv. Sie meinen, dass Bücher, die gerade im Entstehen sind, dort nichts zu suchen haben. Sich inspirieren lassen? Das geht besser ungezwungen unterwegs, dafür muss man sich einfach treiben lassen.

Ich lade sie zur Lesung nächste Woche ein.

Andreas spricht auch Englisch, Französisch und Spanisch. Und noch eine weitere Sprache, die er auf einem Dachboden in einer Schachtel gefunden hat. Es ist eine Art geheime Sprache, eine Sprechschrift. Christiane und ich versuchen, den Artikel zu lesen, wir verstehen zuerst nichts davon, aber nach einer Weile schon. Die Wörter, die erst unverständlich sich willkürlich zusammenzusetzen scheinen, formen doch einen Sinn. Das können Sie in tau nachlesen, einer Zeitschrift für Literatur, Ausgabe urlässig.

Wie erfindet man eine Sprache? Sie muss wachsen und eine soziale Bedeutung haben. Morsezeichen oder Esperanto kann man lernen, aber lebendige, alltagstaugliche Sprachen werden sie nicht. Es gibt dennoch Wörter, die nicht erst wachsen müssen, sondern die man einfach erfinden muss. Wolkelig zum Beispiel. So weich, schön und frei. Feinspitz. Ein bisschen fein, ein bisschen Spitz und verrucht elegant. Urlässig. Die Sprache ist ein lebendiges Gut, sie will gepflegt werden. Man darf mit ihr experimentieren, so lange man aufpasst, dass sie nicht verarmt, sondern reicher wird. Es ist egal, was der Duden sagt, fühlen Sie sich frei. Komponieren Sie. Drücken Sie aus, was sie meinen, Sie werden schon verstanden.

Zu Feinspitz meint Duden: Feinschmecker. Das reicht mir nicht, ich suche weiter. Enzyclo.de meint: Feinspitz [m. 1 ; österr.] jmd., der Dinge schnell durchschaut und daraus seine Vorteile zieht. Das hört sich fast hanseatisch an.

Es wird ein lustiger, sehr literarischer und überraschender Abend.

Als die Literaturkünstler einige Worte reicher wieder auf ihre Rennräder steigen und durch den Nieselregen in die Nacht verschwinden, sehe ich Christiane an: das war gerade unglaublich schön. 



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