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Hamburger Gast

Forewer

hamburger gast 2019 Posted on Sat, August 10, 2019 21:43:36

Das Schiff gleitet übers stille Wasser. Ich befinde mich auf „uns Ewer“, ein Nachbau von den Schiffen, die früher Obst und Gemüse von den Vierlanden nach Hamburg brachten. Es gab keinen Plan mehr, wie diese Schiffe gebaut wurden, also hat man anhand von Fotos versucht, das Boot so gut wie möglich nachzubauen. 2013 wurde es fertiggestellt und sieht ganz schön alt aus.

Der Förderverein „Vierländer Ewer e.V.“ kann alles über den Bau dieses Schiffes erzählen. Einfach war es nicht, aber viele Leute haben mit angepackt und so hat es geklappt.

Faszinierend ist das Kalfatern: Hanf wird in Leinöl gelegt, bis es sich vollgesaugt hat. Dann drückt man es in die Fugen zwischen den Planken und versiegelt es mit warmem Harz, das mit Leinöl verdünnt wurde. Da das Holz noch arbeitet darf man es nicht zu fest andrücken. Aber schon fest genug, man will keine Öffnungen im Schiffsrumpf haben.

Am interessantesten ist, dass es natürliche Mittel sind, die man dabei verwendet.

Holz, und das weiß ich, denn ich arbeite für eine Firma, die ökologische Fertighäuser aus Holz herstellt, kann man biegen. Man muss es nur ein paar Stunden ins Dampfbad legen, und dann kann man es einmal biegen. Nicht mehr, nur ein einziges Mal. Es muss sofort verarbeitet werden.

Holz ist einfach ein großartiger Baustoff.

Es gibt auf dem Fluss hier keine Strömung. Er wurde vor langer Zeit von der Elbe abgetrennt, damit die Elbe besser schiffbar wurde. Der Seitenarm heißt Dove Elbe, doof heißt taub auf niederländisch. Ein tauber Fluss, es ist fast gruselig. So ohne Strömung. Ich würde ihn gerne nachts mal befahren. Vielleicht finde ich noch jemanden, der mich in der Nacht über die Dove Elbe schippert. Es müsste schnell passieren, erstens ist es jetzt Sommer und nachts noch angenehm, und zweitens überlegt man, den doven Seitenarm wieder freizumachen, so dass der Schlick aus der Elbe besser verteilt wird. Das würde heißen, dass dieser Fluss wieder einen wechselnden Wasserstand hätte, und dass er manchmal weniger als einen Meter tief sein würde. Der Ewer würde ihn weiterhin befahren können, andere Schiffe hätten dann Schwierigkeiten. Der Fluss würde wieder zu reden anfangen, zu flüstern, mal leise, mal lauter. die Strömung wäre wieder da, er wäre ein ganzes Stück widerspenstiger als jetzt.

Ich besuche das Rieckhaus. Schon krass, wie die Leute gelebt haben. Ein Feuer in der Mitte, überall Rauch, die Würste hingen einfach so von der Decke und wurden geräuchert. Das Fettnäpfchen stand am Boden, um das heruntertropfende Fett aufzufangen. Der Tag im Hof bestand einfach aus Arbeit. Wenn etwas kaputt war, musste man bis zum Winter warten, dann hatte man Zeit zum Reparieren, weil die Tage kürzer waren.

So ein Bauernhof war natürlich schnell mal abgebrannt. Das Feuer war offen. Viel Holz, ein Reetdach. „Die Tiere“, so erklärte mir der Bauer, „brennen wie nichts“. Ich sehe ihn erschrocken an. Wie meint er das? „Sie kamen oft zu nah ans Feuer, rannten dann in Panik durchs Haus und verbreiteten überall Funken“. Ach so.

Was dann am schnellsten gebrannt hatte, waren die Spinnengewebe. „Die brennen wie nichts“. Vielleicht kann ich den nächsten Frühjahrsputz mit einer Streichholzschachtel erledigen. Met een luciferdoosje. Oder mit einer Hauskatze. Nun ja.

Später führt Jörg mich noch durch das bergedorfer Schloss. Es lohnt sich auf jeden Fall, so eine Führung zu machen, sonst versteht man die Hälfte nicht. Jörg kennt sich gut aus, er erzählt die Geschichte interessant und spannend.

Man kann natürlich auch einfach so nach Bergedorf kommen, Kaffee trinken und Kuchen essen. Haferdrink für den Kaffee: check!

Am Empfang in der Burg sitzt Ronald, der mir hilft, wenn ein Wort mir nicht einfällt, oder wenn eine Bedeutung nicht ganz klar ist. Wenn ich etwas über Bodo, den Schlosshund wissen will. Er kennt sich aus. Er schmeißt den Laden. Er ist gut gelaunt.

Und das ist einfach schön, morgens auf der Arbeit anzukommen und freundliche Leute zu sehen…



Blank-O

hamburger gast 2019 Posted on Thu, August 08, 2019 19:05:36

Herr Blank dreht sich noch mal um.
Es ist früh, und auch wenn er meistens mit der Lerche aufsteht, genießt er jetzt gerade noch das Aufwachen. Die Sonne ist schon aufgegangen, er sieht das Licht, wunderbar gefiltert zwischen den Blättern der großen Buche. Sie sind sattgrün, bewegen sich sanft in der Morgenbrise. In der Luft hängen einige leichten Wölkchen, es verspricht wieder ein wunderschöner Augusttag zu werden.

Es hat letztes Wochenende ein Gewitter über Bergedorf gegeben. Am Samstag gab es um halb acht abends strömenden Regen, das Weinfest war in vollem Gange. Herr Blank lächelt, wenn er daran denkt, wie er dennoch eine Bratwurst gegessen hat, unter einem Vordach, wie er den Regen angeschaut und das Fest genossen hat. Es war dringend nötig, dass es mal geregnet hat, der Boden war viel zu trocken.

Er ist 54 und getrennt, hat einen Sohn.

“Mein Bruder wohnt in Bergedorf, wir besuchen ihn”, sagt der junge Mann. Er spaziert mit Freundin und Bruder durchs Schloss. Ich nicke und bedanke mich, habe ich doch gefragt, was sie hier machen. Ob sie Herrn Blank kennen? Nein, kennen sie nicht. “Er wohnt hier im Park”, sage ich. Schulterzucken, ein höfliches Lächeln. Sie gehen weiter.

“Die Fenster sind hier ganz zugewachsen”, sagt die Frau mit leichtem osteuropäischen Akzent. “Sowas ist nicht gut, man sollte den Wein schneiden”. Sie hat Recht, die Fenster auf dem Innenplatz am Nordostflügel des Schlosses sind ganz von wildem Wein bedeckt.
Ihre Hände kribbeln, sie will die Pflanzen abschneiden, die Fenster befreien, sie waschen, mit viel Wasser und Ammoniak. Die Rahmen mit einer Bürste scheuern, dann mit einem Leder die Scheiben glänzend rubbeln. Sie will auch innen die Fußböden bohnern, mit dem festen honiggelben Wachs. Sie beherrscht sich.

Letzte Woche hat sie sich nicht beherrschen können. Letzte Woche hat sie einen Ausflug in den Botanischen Garten gemacht. Sie hat an einer Führung teilgenommen. Die junge Studentin mit der großen Brille hat erklärt, welche Biotope gerade dargestellt wurden. Es ging alles gut, sie hat ruhig das Moor bewundert und die Heidelandschaft. Sie hat an dem Feuchtbiotop geschnuppert. Aber als die Studentin die Gruppe dann in den traditionellen Bauerngarten eingeführt hat, ist sie durchgedreht. Die Blumen, das ging ja alles noch. Wunderbare Stauden, sie hatte ein leichtes Bedauern, dass sie keine Schaufel dabeihatte.

Aber das Gemüse! Die Salatköpfe, die schon schießen, der Spargel, der in großen, weiten, hellgrünen Farnwedeln ausgewachsen dort steht, der Sellerie, der ein Meter hoch ist und blüht. Nichts wird hier geerntet!
“Es ist hier strengstens verboten, die Blumen und Pflanzen zu pflücken”, hat die Studentin am Anfang der Führung gesagt und dabei ernst um sich geguckt. Die Frau hat auf den Boden geschaut.
Im Bauerngarten hat sie sich zurückfallen lassen, die anderen Teilnehmer schlenderten alle an ihr vorbei. Sie schaute den Brokkoli an, hoch und ausgewachsen. Sie sah den Blumenkohl, fast jeder einzelne schon längst über den Erntezeitpunkt drüber. Sie nahm schnell ihr Opinell-Taschenmesser, das große, schnappte es auf und schnitt blitzschnell zwei kleine Blumenkohle ab. In einer geschickten Bewegung landeten sie in ihrer Tasche.
Sie schaute flugs um sich, versteckte sich hinter einer Hecke und wartete einige Minuten. Sie musste sich kurz von dem Raub erholen, ihr Herz raste. Sie überlegte, rechtsumkehrt zu machen, denn sie hatte ihr Gemüse jetzt. Aber da sie in einer Liste eingetragen war, entschied sie sich dagegen, holte tief Luft und reihte sich wieder unauffällig bei der Gruppe ein, gerade als sie das Tropengewächshaus betreten wollten. Den Felsgarten hat sie verpasst, aber was soll’s.

Heute im Bergedorfer Schloss läßt sie den Wein in Ruhe, obwohl das Messer in ihrer Tasche zittert.

Ich notiere mir die Geschichten um mich herum und freue mich, dass ich im Bergedorfer Schloss meinen ersten Schreibtag habe. Oben im Museum habe ich den Tag angefangen, aber die Museumsluft macht mich schläfrig. Ich hatte mich nur kurz auf das Sofa gesetzt und bin sofort eingeschlafen. Deswegen bin ich jetzt auf der Terrasse.

Klaus-Dieter Blank habe ich heute morgen im Park getroffen. Er braucht dringend medizinische Hilfe. Er wird von den Kumpels mit Essen und Trinken versorgt, aber seine Hände sind ganz geschwollen, die Lippen völlig aufgeplatzt. Er hat ein Geschwür am Bein. Als der Krankenwagen gerufen wurde, wollte man ihn nicht mitnehmen, weil er ja noch laufen konnte. Und falls doch, kostet das 500 Euro. Das will er nicht zahlen, obwohl er das Geld hätte. Sein Betreuer kommt am Wochenende aus dem Urlaub zurück.
Er hat mir gesagt, dass ich seinen echten Namen verwenden kann, wenn ich über den Park schreibe. Seine Frau ist weg und sein Sohn ist im Knast. Er lebte in der blauen Lagune und jetzt im Park. Seine Kumpels sorgen für ihn, zusammen räumen sie den Park auf, die Flaschen und so, es spielen doch Kinder und Hunde dort. Er versucht sich fit zu halten, schafft schon 2 Liegestütze.

Er steht meistens mit der Lerche auf, hat etwas gegen Langschläfer.



stadtfremlich

hamburger gast 2019 Posted on Tue, August 06, 2019 18:55:19

Hier stehe ich in der fremden Stadt. Alleine. Ich versuche, die Spuren der langen Reise wegzuwischen. Die Wohnung ist fremd, ich stelle meine Sachen hin, schließe die Tür ab. Tränen springen mir in die Augen, ich bin alleine. Ich lege mich aufs Bett, will mich ausruhen, springe wieder auf. Esse die zermatschten Blaubeeren, die ich mir für die Reise eingepackt hatte. Im Schrank sind Teebeutel, ich koche mir einen Tee. Habe Hunger. Setze mich an den Schreibtisch.

Ich sitze vor einem Blatt weißes Papier und will eine Geschichte schreiben. Über eine Frau, die eine Stadt erobert. Ich will über den Hafen schreiben. Aber was denn. Was kann ich berichten, ich kenne ihn nicht einmal. Bis jetzt habe ich nur Gleise und Straßen gesehen. Gibt es überhaupt Schiffe, gibt es einen Hafen hier? Wo liegt er eigentlich?

Ich bekomme jetzt einen tierischen Hunger. Am Besten, ich gehe hier erstmal gleich um die Ecke. Dort gibt es anscheinend unglaublich hippe Lokale. Dort kann ich mich hinsetzen, etwas bestellen, vielleicht etwas Indisches, Koreanisches oder ein Gericht aus Pakistan und dabei aufschreiben, was ich um mich sehe, wie es mir schmeckt und wo man hingeht für den Espresso danach.

Ich ziehe mich warm an, es kann ja spät werden. Ich stapfe los.

Nach einer halben Stunde gebe ich fast auf. Ich habe das Gefühl, mich auf einer Hülle, die sich um die Stadt gelegt hat, zu bewegen. Ich vermute die Stadt, ich spüre sie irgendwo, aber ich kann nicht zu ihr durchdringen. Als hätte die Stadt verschiedene Schichten und ich kann mich nur auf der äußeren hin und her bewegen.

Ich finde kein einziges Lokal, das mich anspricht, es gibt eigentlich überhaupt keine Lokale hier. Ich gehe durch alle möglichen Gassen und komme nicht weiter. Ich sehe fröhliche, satte Menschen, sie kommen von der Kirmes, sie haben gut gegessen, sie reden laut und lachen laut, sie haben Ballons am Kinderwagen und Stofftiere unterm Arm. Die Menschen tun nur so, als ob alles in Ordnung ist. Die Kinder wissen, dass es nicht so ist, sie quengeln und wollen nicht weiter. Mir ist zu warm.

Ich habe Hunger und finde den Einstieg nicht. Soll ich wen fragen? Aber wonach frage ich denn? Zur Kirmes will ich nicht. Soll ich ein Kind fragen, wo es schön ist? Das wird garantiert falsch verstanden.

Als ich in der Wohnung im Internet geguckt hatte, gab es Unmengen von Restaurants, wo sind die alle hin? Können die einfach so verschwinden, sich in Luft auflösen? Wo sind all die Fotos denn gemacht worden? Ist das hier die Wirklichkeit? Versucht das Internet mich zu täuschen? Handelt es sich hier um eine Verschwörung? Vielleicht muss ich nur eine bestimmte Tür finden, die aufstoßen und in eine andere Welt hineinschlüpfen, wo man tolle instagram-Fotos macht. Vielleicht bin ich in einer Kulisse, muss ich nur dahinter gucken. Aber wie geht das?

Ich verlaufe mich und verstehe die Karten auf dem Mobiltelefon nicht. Weiß nicht, in welche Richtung ich muss. Vieles kommt mir inzwischen bekannt vor, aber ich sehe den Zusammenhang nicht. Es ist sehr warm und schwül in den vollen Gassen, ich verfluche meine Regenjacke. Will am Liebsten alles ausziehen. Immer wieder versuche ich eine andere Richtung, und immer wieder steht ein sehr großes und verschlossenes Gebäude im Weg. Es ist der alte Schlachthof. Er macht mich wütend. Bei der nächsten Sackgasse tut sich eine andere Möglichkeit auf:

Ich träume! Dies ist gar nicht die Wirklichkeit.

In Wirklichkeit liegen wir zusammen im Bett, viel zu nah zusammen, weil das Bett eine Kuhle in der Mitte hat. Du machst Atemgeräusche, es ist zu warm im Zimmer und ich habe gerade einen Traum. Ich träume, dass ich durch eine fremde Stadt laufe und den Weg nicht finde. Ich irre durch die Straßen und komme nichte weiter. Die Menschen haben keine Gesichter und ich bin auch unsichtbar. Ich muss nur versuchen, aufzuwachen. Aber ich habe Hunger. Geht das im Traum?

Letztendlich gebe ich auf. Ich frage einen vietnamesisch aussehenden Jungen, der vor einem Gebäude auf der Straße steht, was sie für eine Küche haben, er sagt “Vietnamesisch”. Ich knicke mürbe, gehe hinein, setze mich an einen kleinen Tisch und versuche mich zu konzentrieren. Wenigstens hat er mich wahrgenommen, das heißt, ich bin hier echt. Die Musik ist laut. Eine junge Frau erklärt, wie man bestellt, man kreuzt selber auf eine Liste die Gerichte an, die man gerne hätte. Ich kreuze etwas an. Sie sieht mich fragend an. “Ist das alles?” fragt sie zögernd.

Sie zeigt mir höflich die Größe der Schüsseln und ich kreuze noch 2 weitere Gerichte an.

Eine Stunde später sitze ich in der Wohnung am Schreibtisch, nackt. Ich will aufschreiben, was passiert ist, wie es beim Vietnamesen gemacht wird. Aber die leere Seiten starren mich anschuldigend an. “Du hast keine Ahnung” scheinen sie zu sagen. Ich suche den Stadtplan. Wieso kam ich nicht voran? Wieso wurde ich willenlos zwischen Kirmes und Schlachthof hin und her gespült? Wieso hat mich die Werbung “Naturdarm und Gewürze”, die über die Länge eines ganzes Hauses geschrieben war, so fertiggemacht?

Es ist 19:00, noch viel zu früh um ans Bett zu denken, ich entscheide mich, noch mal zum Wasser zu gehen. Jetzt aber gut vorbereitet, nicht mehr hungrig und mit einem Plan. Ich zieh mir ein Sportshirt an, ich ziehe meine Laufschuhe an. Jetzt wird es ernst. Ich muss vor allem vom Schlachthof und von der Kirmes wegkommen.

Es fängt mit einem Park an. Das geht. Die Kirmes ist nur zu hören und zwischen den Bäumen hindurch kann ich sehen, wie die Leute in die Höhe katapultiert werden. Mir wird schlecht, aber ich gehe tapfer weiter.

Die zähe Schicht um die Stadt fängt an, ein wenig weicher zu werden, wenn ich bei den Landungsbrücken stehe. Und dann ist es, also ob sich ein Knoten löst. Als würde ich schon sehr lange über ein Puzzle gebeugt sitzen und endlich die Stücke richtig legen können. Dort am Wasser sehe ich, wo ich bin. Ich sehe die Landungsbrücken, und dort ist die Elbphilharmonie. Ich fasse Mut, gehe weiter. Die Speicherstadt, mein Gott, hier ganz in der Nähe. Die Katharinakirche, Michaeliskirche, die Nikolaikirche. Der Fleet bei den Mühren. Alles hängt zusammen, es liegt echt alles in der gleichen Stadt. Ich werde immer mutiger, grüße Ansgar und Barbarossa. Kreuze Brücken und mache mir mentale Notizen. Das Abendlicht ist schön. In der Speicherstadt sehe ich mir staunend die architektonischen Zeichnungen an. Was für eine Leistung.

Übermutig entscheide ich, den Weg an die Alster anzutreten. Und ja, wie von alleine komme ich zum Rathaus. Ich bin an der Alster, kann hierhin und dorthin, kann die Teile miteinander verbinden.

Die Elektroroller sind alle leer. No scooters in your area. Was soll’s.

Leicht und lächelnd gehe ich zurück Richtung Karoviertel. Mache einen eigensinnigen Schlenker durch die Komponistenstraße. Die Nacht fällt schon, dunkle Gestalten schleichen durch Planten un Blomen. Es sind Kinderwagen mit Luftballons, nachts sieht alles anders aus. In der Nähe meiner Wohnung sehe ich plötzlich die ganzen Lokale, die schönen Ecken, die fröhlichen Leute. Den Schlachthof sehe ich nicht mehr.

Ich finde fast von alleine den Weg zurück und könnte vor Freude tanzen. In Gedanken rufe ich noch mal die Türme auf, die sich heute in mich verankert habe. Die Landschaftsmerkmale. Wasser. Brücken. Kirchen. Ich bin durch die zähe Schicht gebrochen. Ich bin in der Stadt angekommen. Ich habe meine Orientierungsfäden durch die Straßen und über die Plätze gezogen, sie glitzern im Sternenlicht.

Im Himmel steht ein ganz feiner Sichelmond.

Einige Puzzlestücke fehlen noch, aber ich brauche nicht mehr zu verzweifeln. Es gibt eine Stelle im Gehirn, wo diese Stadt jetzt eingraviert ist, zwar noch als unfertige Skizze, aber sie ist da. Oder im Herzen?

Vielleicht eher noch im Herzen.

Den Espresso danach gibt es im Café nebenan. Davor oder danach, die schöne Wirtin fragt nicht. Dafür frage ich sie auch nicht, ob sie gerade erst den Laden eröffnet hat, jetzt, heute Abend, vor ein paar Stunden. Ich sage nichts. Jetzt bekomme ich sogar das entfernte Gefühl, es ist eine Ahnung erst, ganz vage, aber es ist da, dass ich zuhause bin.



die Uhlenhorst

hamburger gast 2019 Posted on Sun, August 04, 2019 16:25:55

Mitten in Hamburg

Geographisch mitten drin ist nicht die Elphi, nicht der Jungfernstieg. Nicht einmal der Mariendom ist die Mitte Hamburgs. Wenn man mitten in Hamburg steht, steht man auf der Uhlenhorst. Neben der St. Gertrudkirche, unter der Luthereiche. Das ist der geographische Mittelpunkt. Bon Papa wusste das. Er wusste immer, auf welchen Koordinaten er sich befand. Er hatte einen inneren Kompass, kannte die Windrichtungen und fühlte die Wetteränderungen. Jedes Mal, wenn er in der Stadt war, ging er zu ihrer Mitte und schaute über die Außenalster.

Er kannte nicht einmal den Mariendom.

Er sah übers Wasser zur schönen Stadt. Am liebsten im Winter, denn dann hatte man einen klaren Blick auf die Strukturen.

Er liebte das kühlere Wetter, er liebte seinen Dufflecoat. Auf diesen Mantel war er stolz, wurde er doch in Duffel, in der Nähe von Antwerpen, entworfen und gefertigt. Schon im 15. Jahrhundert stellte man dort einen festen Lakenstoff aus englischer Wolle her, exportierte ihn in ganz Europa.

Mit der Ankunft einer Textilfabrik mit Dampfmaschine fing in Duffel die industrielle Revolution an.

Bon Papa hatte seinen Mantel nicht in Antwerpen gekauft. Er kaufte bei Ladage & Oelke ein. Er hatte nicht viele Anzüge, nur wenige Hemde. Einige Westen. Die meisten seiner Kleider waren speziell für ihn geschnitten. Er sah immer gleich aus.

Julius Franck war ein Freund von ihm. Er besuchte ihn zweimal im Jahr.

Es ist Winter. Ein frostiger Tag, die Wintersonne steht tief in einer kristallklaren Luft. Er geht am dunklen Wasser entlang. Er bleibt kurz stehen, er blickt auf die Stadt in der Ferne. Er sieht die klaren Linien, es sieht, dass alles in Ordnung ist. Es ist windstill. Es ist Januar. Das Licht sorgt dafür, dass die Stadt sich scharf wie noch nie in der Ferne zeigt. Er hat nächste Woche Geburtstag. Er weiß, es wird sein letzter sein. Er weiß, diese Stadt sieht er so nie wieder. Er lächelt müde und geht nach Hause.

Es ist Sommer. Ich bin auf der Uhlenhorst. Es blüht und zwitschert und raschelt um mich herum, hier sind viele Leute unterwegs. Man radelt, spaziert, lacht und redet mit den Hunden.

Ich stehe unter einer Buche und blicke auf die Stadt in der Ferne.

Ich weiß, warum Bon Papa den Winter mochte. Ich sehe das wüste Geblätter um mich herum, die Bäume tuscheln übermütig laut, sie lassen schwer ihre dunkelgrünen Kleider rauschen. Es lenkt mich ab, so erkennt man nicht, was wichtig ist. Ich fühle mich mitten in einem barocken Gemälde. Überall sind Blumen. Gevögele. Putten. Ich würde mich über üppige nackte Frauen mit dickem, wehendem Haar und prächtigen Hintern nicht einmal wundern.

Die Stadt in der Ferne sehe ich durch einen Dunst. Vage und nicht an einem festen Platz, als würde sie unter der heißen Augustsonne vibrieren. Sie wird zum Glück vom Wasser gekühlt und von vielen Baukränen unterstützt, sie halten sie sicher in ihren Fugen.

Eine Gruppe von Männern fährt in einer Barkasse vorbei. Sie tragen Badelatschen und bunte Shorts, T-Shirts, zu groß oder zu klein. Sie lachen und trinken Bier. Sie haben noch nie eine Zigarre geraucht.

Was würde Julius Franck dazu sagen?



Begrüßungsfeier am 3.8.2019

termine Posted on Wed, July 24, 2019 18:39:14


Jung/ fern/ stieg

hamburger gast 2019 Posted on Tue, June 11, 2019 18:53:39

Hamburg!
Die Einladung ist noch jung. Ich bin noch fern. Bald dürfen wir 4 Monate zusammensein. Lass uns einander etwas kennenlernen. Wir steigen zusammen in eine Geschichte ein. Es soll deine Geschichte werden, und die deiner Bewohner. Du kannst dich auftakeln, die Segel setzen, bald geht’s los… Ich freue mich.



Katelijne Gillis ist Hamburger Gast 2019

allgemein & aktuell Posted on Thu, June 06, 2019 10:19:41

Dürfen wir vorstellen:

Katelijne Gillis.
Die Neue. Neue Stadtschreiberin, neuer Hamburger Gast, somit neue Hamburgerin auf Zeit, neue Entdeckerin der Hamburger Eigenheiten, Umstände, Ansichten, Aussichten …

Überzeugt hat sie die Jury mit dem zart-melancholischen Text “Unterm Eis” und einem Motivationsschreiben, das einfach neugierig gemacht hat.

“Die wollen wir kennenlernen.”

Prima!

Am 3. August gibt es die Gelegenheit dazu. Dann beginnt offiziell ihre “Amtszeit” als Hamburger Stadtschreiberin.

Bei der Veranstaltung im Bergedorfer Schloss wird sie ihren Siegertext vorlesen. Wir freuen uns auch sehr auf die beiden zweiten Sieger der Ausschreibung, deren Texte uns begeistert haben.

Kerstin Meixner schickt in ihrem raffiniert leicht gewebten Text “Kühe streicheln” einen Städter aufs Land und stellt eine Kuh auf die Straße.

Und Stephan Groetzner arbeit in seinem Beitrag “Nixnich” so gekonnt mir unterschiedlichen sprachlichen und erzählerischen Ebenen, dass mitnichten am Ende Nixnich rauskommt.

Die beiden werden ebenfalls am 3. August in Bergedorf dabei sein – und vorlesen.

Wir freuen uns!

Details und weitere Infos wie immer hier oder auf www.hamburger-gast.de



Ausschreibung 2019

allgemein & aktuell Posted on Sun, December 30, 2018 15:48:46

Es geht wieder los!

Aus dem Nichts

lautet das Thema für das Jahr 2019.

Und weil das Stipendium zum vierten Mal ausgeschrieben wird, haben wir es auf vier Monate verlängert. Vierte Station ist die Zentralbibliothek der Bücherhallen Hamburg. Nach dem Bergedorfer Schloss im August, dem SCHMIDT auf der Reeperbahn im September, der Harburger Kulturwerkstatt im Oktober, geht es im November in der Zentralbibliothek der Bücherhallen am Hühnerposten weiter.

Hier die genaue Ausschreibung:

Und hier der Teilnahmebogen:



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