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Hamburger Gast

Wie Kunst entsteht

hamburger gast 2019 Posted on Di, Oktober 08, 2019 12:58:35

Heute morgen scheint die Sonne. Es ist ein Feiertag, und es gehört sich so, dass man erst gegen Mittag aus dem Haus geht. Die Straßen sind immer noch leer, ab und zu kommt ein entspanntes Auto vorbei. An der Alster flanieren Gruppen von Leuten, sie fotografieren das Wasser und die Fontäne. Ich fahre zur Kunsthalle, will Rembrandt gucken, er ist morgen genau 350 Jahre tot.

Ich stecke die Tasche und den Mantel in ein Schließfach, merke, dass ich meine Brille vergessen habe. Ich habe aber das Ticket schon, was mache ich denn jetzt? Ich werde wohl an jedes Gemälde ziemlich nah dran gehen müssen. Bei einigen geht das, da sieht man die Pinselstriche und mit der Nase fast gegen das Tuch entdeckt man die Genialität. Es gibt aber auch Gemälde, die kann man nicht gut aus der Nähe betrachten, sie sind zu wild. Sie sehen von ganz nah genau so aus wie wenn ich sie ohne Brille sehe. Wie Fontainebleau von Monet. 

Das versuche ich den Mitarbeitern zu erklären, die freundlich und geduldig unten an der Treppe stehen und die Tickets abreißen. Nun ja, schade, sagt die Dame, und dass ich mir ihre Brille nicht ausleihen kann, sie braucht sie selber. Ihr Kollege begleitet mich in die Garderobe unten. Dort  zeigt man mir eine große Kiste voller Brillen. Ein richtiger Schatz. Alle sind irgendwann in der Kunsthalle liegen geblieben. Ich probiere sie durch, fast alle sind Lesebrillen, die kann ich nicht gebrauchen, in der Nähe sehe ich gut. Und Sonnenbrillen, ziemlich schöne sogar. Sie sollten zuhause mal schauen, ob Sie eine vermissen und letztens in der Kunsthalle waren. Ihre Brille wurde gefunden und sorgfältig in der Garderobe aufbewahrt.

Ich leihe mir eine aus, die irgendwie geht. Und so laufe ich mit einer rotumrandeten Brille durch die Ausstellung. Mir wird ganz schwindelig dabei, so dass ich sie wieder absetzen muss.

Später erzähle ich der Dame vom Ticketverkauf von meinem verschwommenen Erlebnis, und auch davon, dass das Kupferstichkabinett leider zu hatte, stimmt, heute ist Feiertag. Sie lächelt und schüttelt den Kopf. Schiebt mir eine Freikarte zu, damit ich noch mal wiederkommen kann, mit Brille. Ich sehe sie an, freue mich. So geht Kunst. Man wird eingeladen, sie zu erleben, das sind hier nicht nur leere Marketingsprüche. Und das ist, was mir gefällt. Die Kunsthalle will uns wirklich alle dort sehen und ihre Schätze zeigen. Jeder Mensch mit Interesse an diesem besonderen Ort hat auch Zugang zu diesem. Museen sind elitär, aber jeder, der will, kann zu dieser Elite gehören sagt Alexander Klar in der Zeit.

Die Stadt streckt sich lässig um ihre Alster aus und lädt mich auf einen Spaziergang ein. Die goldene Oktobersonne hängt übermütig in der blauen Luft, die Straßen sind ruhig, die Menschen froh und entspannt.

Eine mobile Radarfalle ist auf dem Jungfernstieg aufgestellt. 

Bei den Landungsbrücken steht die Sonne tief, die Kräne zeichnen sich scharf gegen den Abendhimmel ab, so schön, dass man stehen bleiben muss und nach Westen schauen. Das Wasser ist dunkelblau und schimmert, die Luft ist von warmen Farben gesättigt. Die Menschen spazieren mit goldenen Haaren am Wasser entlang, die Speicherstadt leuchtet auf. 

Dieses Bild wird gerade gemalt, es ist noch nass. Dieses Kunstwerk entsteht jetzt, hier am Wasser, aus dem Nichts, die Wolken kriegen einen leuchtenden Rand, die Möwen werden mit einer schnellen Bewegung  gegen den Himmel gemalt, ein feiner Sichelmond erscheint. 

Wir sind dabei, wir sind mitten drin.



Tanzende Türme

hamburger gast 2019 Posted on Mo, Oktober 07, 2019 10:47:58

Sie sehen mich an und lächeln, die Augen leuchten auf. Ob sie eine Geschichte für mich haben? Klar, sie sind voller Geschichten. Sie erleben schräge Dinge, sind oft nacht unterwegs, sie arbeiten auf den Bühnen der Welt. Auf den größten Kreuzfahrtschiffen der Welt haben sie ihre Shows, sie fahren kreuz und total quer über die internationalen Gewässer. Ich bitte sie, ihren Namen und Künstlernamen jeweils in mein Buch zu schreiben. Die eine Schrift ist noch schöner als die andere. Seit der Grundschule hätten sie nicht mehr mit Füller geschrieben aber sie haben den Dreh immer noch raus.

Hier sitzen, in der Hausbar des Schmidt-Theaters, strahlend, ausgeschlafen, stolz und ein wenig abgedreht: Fanny Fantastic, Gloria Glamour, Sarah Barelly und Fanny Davis. 

Ich sehe diese Künstlerinnen an, sie sind schön. Auch wenn sie nicht geschminkt sind, gerade nicht auftreten, teilweise einen Bart haben. Sie sind zurückhaltend, zuvorkommend und laden mich ins Pulverfass ein. Fanny Fantastic will meine High Heels kaufen. Die mit der roten Sohle. Ich denke ja, das würde passen. Sie soll sie mal anprobieren, ich bringe sie ihr nächstes Mal mit. Gloria sagt, sie lässt sich ihre Schuhe in Italien speziell anfertigen, zum Beispiel diese orangefarbenen, denn sie ist schon eine sehr starke Frau und hat große Füße, normale Stilettos wären richtig gefährlich. Sie lacht und zeigt mir auch ihr Weihnachtskostüm. Es ist mein letzter Tag im Schmidt-Theater, ich sehe mir kopfschüttelnd meine schrille Gesellschaft an, gehe raus. Es hat gerade aufgehört zu regnen, ein Regenbogen streckt sich über die Tanzenden Türme.

In der Dammtorstraße wird ein Haus weggefegt. Ich stehe davor und bin fassungslos, wie der Kran sich einen Weg durch die Mauer gräbt. Er sieht wie ein Drachen aus, der immer wieder in die Mauer beißt und Stücke herausreißt. Backstein, Stahl, Aluminium, Beton. Ich gucke auf Google Maps, das Gebäude, das dort stand war nicht einmal so hässlich. Aber keiner kann mir sagen, wieso es weg muss. Der Sänger aus der Staatsoper reißt die tiefblauen Augen auf und meint, schön wäre etwas anderes, dieser Lärm, der Staub, es würde ihn sehr belasten. Vor allem seine Stimme. Er steigt auf sein Fahrrad und fährt schnell in die Oper. Heute hat er einen Auftritt.

Dort will ich auch noch mal hin, in die Oper. In die Laeisz-Halle und in die Elbphilharmonie. Ins Pulverfass. Ich will wissen, wie sich die Musik in dieser Stadt anhört. Nehmen wir alle auf die gleiche Art Musik auf? Ich habe das Gefühl, bei mancher Musik fangen die Zellen zu vibrieren an und verlassen die festen Umrisse des Körpers. Sie sind in der Zwischenwelt, voller Klang, voller Energie. Sie reisen von einer Person zur anderen. Wie kann es sonst sein, dass man das Gefühl hat, weiter zu werden, wenn die Musik stimmt, größer und tiefer? Wie kann sonst die Musik Menschen verbinden, und dabei alles andere überflüssig machen?

Die Musik dieser Stadt ist ein Rauschen von Autoverkehr, gemischt mit den dumpfen, gleichmäßigen Klängen der Bahn aus dem Untergrund und mit dem sanften Ticken der Regentropfen auf den Bäumen. Weit entfernt dröhnen schwer und tief der Schiffsverkehr, die Containerschiffe, die Kräne. Ein ständiger tiefer Ton hängt in der Luft.

Ich habe mir mit Hannes einen Containerhafen angeschaut, eintönig arbeiten dort die Kräne, automatisch, ewig. Immer im gleichen Rhythmus. Sie greifen die Container und bringen sie zu einem weiteren Platz, an Seilen bewegen die viereckigen Stahlpakete sich schwebend durch den Hafen. Vom Schiff auf die Schienen oder auf die LKWs. Ein Computerprogramm steuert sie mit ihrer Fracht in die Welt hinein. Es muss ein raffiniertes System sein, mehr als 90 Millionen Container werden hier dieses Jahr sortiert. 

Antwerpen und Amsterdam schaffen mehr, aber das muss ich jetzt nicht erwähnen. Darum geht es nicht.

Wir schauen uns die endlose stumme Ballettvorstellung an, bis die Sonne ihre letzten schrillen orangefarbenen Strahlen zwischen den dunklen Wolken hervorblitzen lässt, und damit unfassbare Kontraste setzt. Der Himmel brennt. Die Wolken wirken noch dunkler, wilder. 

Ich denke an das orangefarbene Kostüm mit den passenden High Heels der Gloria. Ich sehe die Sonne, wie sie Feuer in den Himmel bringt. Die Kräne, die Schiffe, das Wasser. Die Stadt in der Ferne, die Elphi.

Die Musik unter Wasser. Der Nebel.



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